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Ist Solidarität überholt?

Warum ein neues Verständnis des Begriffs die Antwort auf viele Herausforderungen ist

von Peter Hartlaub

„Wir leben in einer Zeit des Individualismus und der Entsolidarisierung. Jeder schaut nur auf sich selber. Der Mensch neben mir wird nur noch als Gegner,  als Konkurrent angesehen.“ Solche Klagen sind nicht selten, gerade in kirchlichen Kreisen, gerade unter Engagierten. Und auch in meinem Arbeitsfeld, bei Gewerkschaftern und Betriebsräten, höre ich das immer wieder. Und es stecken ja auch handfeste Erfahrungen dahinter: Menschen für den Beitritt zur Gewerkschaft, für die Teilnahme an einem Streik, an einer Kundgebung zu bewegen – das ist sicherlich nicht leichter geworden in den vergangenen Jahren. Menschen zum Mittun in einem kirchlichen Verband, in der Pfarrgemeinde zu gewinnen – auch dieses Geschäft ist sehr viel anspruchsvoller geworden.

Schlaglichter aus der jüngsten Vergangenheit

Aber stimmt das wirklich? Stehen nicht auch Erfahrungen der vergangenen Jahre dagegen? Wie viele Menschen haben sich spontan mit den geflüchteten Menschen solidarisiert im Jahr 2015, und das ganz praktisch, ganz handfest? Und wie viele Menschen sind auch heute noch mobilisierbar im Namen der Solidarität? Manchmal im Namen einer national eng geführten Solidarität, einer Solidarität „gegen die da oben“ oder gegen die Fremden, die Ausländer? Nicht selten aber auch im Namen der Vielfalt, der Buntheit, der Menschlichkeit, die allen gilt, im Namen der Menschenwürde?

Nur festzustellen, dass wir in einer Zeit der Entsolidarisierung leben, das greift zu kurz, das führt zu Resignation, das macht es sich und uns zu einfach.

Solidarität im Licht der Katholischen Soziallehre

Wenn wir den Begriff „Solidarität“ im Licht der Katholischen Soziallehre beleuchten, dann leben wir übrigens in einer Zeit, die geprägt ist von einem Wachstum der Solidarität. „Die Glieder der Gesellschaft entdecken, dass sie gemeinsame Interessen haben, dass es ein Gemeinwohl gibt, und engagieren sich dafür.“ So hat der Sozialethiker Bernhard Emunds den Solidaritätsbegriff der Soziallehre beschrieben.

Dann erleben wir doch gerade, wie sich der Radius unserer Solidarität ausgebreitet hat und weiter ausbreiten könnte: Der Klimawandel, die Migration, der weltweite Terror, die Globalisierung der Waren und Dienstleistungen und der Arbeit, die Finanzkrise. All diese Entwicklungen zwingen uns doch, unsere weltweite Vernetzung zu erkennen. Sie stellen uns doch gerade vor das Problem, das es nationale Lösungen im Alleingang nicht mehr geben kann angesichts der globalen Zusammenhänge, auch wenn angebliche Patrioten das behaupten. 

Peter Hartlaub

ist Ständiger Diakon und leitet die Betriebsseelsorge im Bistum Würzburg.

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Foto: © Robert Kneschke · stock.adobe.com

 

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