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Leben aus der Dynamik des Ursprungs

Leben aus der Dynamik des Ursprungs – oder: Kirchliche Resilienzerfahrungen*

Bischof Dr. Michael Gerber, Fulda

Keine Frage: Angesichts der globalen gesellschaftlichen und kirchlichen Entwicklungen stehen wir in einer gigantischen Umbruchszeit. Der Generation, die im Westeuropa der 50er- bis 80er-Jahre aufgewachsen ist, stellt sich eine große Herausforderung: Wir müssen begreifen, dass eine Phase der relativ kontinuierlichen Entwicklung, wie wir sie in den Nachkriegsjahrzehnten hierzulande erleben durften, nicht mehr kommen wird.  Die Erfahrungen überraschender Umbrüche, bisweilen Zusammenbrüchen, wird der „Normalfall“ bleiben. Doch wie damit umgehen? Das löst Zukunftsängste aus. Wir finden das in allen gesellschaftlichen Gruppen. Es ist schwierig, die Komplexität der Fragestellungen auszuhalten: Die Erderwärmung, durch unseren Lebensstil mitverursacht, ist gerade im Herzen Afrikas eine der Ursachen für größere Migrationsbewegungen; mit China ist eine Supermacht auf dem Vormarsch, die ein völlig anderes Menschen- und Gesellschaftsbild fördert. Mancher Zeitgenosse wird hier anfällig für einfache Erklärungsmuster.

Umbrüche am Anfang der Kirche

In der Auseinandersetzung mit der Apostelgeschichte bin ich neu auf die Dynamik des Anfangs gestoßen. Immer wieder entdecke ich in den Texten, wie die junge Kirche in radikale Umbrüche – ja Zusammenbrüche – hineingestellt ist. Wie gehen die Frauen und Männer der ersten Stunde damit um? Welche Ur-Erfahrungen macht die junge Kirche hier und welche Botschaft können wir daraus für unsere Situation heute entziffern?

Fangen wir relativ weit vorne an: Im 4. Kapitel der Apostelgeschichte wird uns eine Urgemeinde geschildert, die – neudeutsch ausgedrückt – „sich gefunden hat“ (Apg 4,32-37). Mit ihrer Gütergemeinschaft, dem gemeinsamen Gebet, der wöchentlichen Zusammenkunft und der Predigt der Apostel entfaltet sie eine Ausstrahlung. Auch für uns heute ist es nachvollziehbar, dass so eine Gemeinschaft, die ein glaubwürdiges Miteinander lebt, darüber hinaus – so wie im Pfingstereignis geschildert – sprachfähig geworden ist. Da die ersten Christen noch an die baldige Wiederkunft Christi glaubten, konnten sie davon ausgehen, dass sie die Form der Kirche schlechthin gefunden hatten.

Kurze Zeit später kommt es zum großen Zusammenbruch. Eine erste Krise (vgl. Apg 6), bei der es zur Rivalität von Hellenisten und Hebräern gekommen war, konnte noch abgewendet werden. Sieben besonders ausgewählte Männer nahmen sich der Benachteiligten an. Doch einer der Sieben, Stephanus, war ein begnadeter Prediger – für seine Gegner jedoch eine ungehörige Provokation. Es kommt zur Steinigung des Stephanus. Doch nicht genug: Als Folge wird die Jerusalemer Urgemeinde insgesamt verfolgt und damit auseinandergesprengt.

Wenn kirchliche Formen zusammenbrechen

Wie mit diesem Zusammenbruch umgehen? Was in den Seelen der Frauen und Männer damals vorging, lässt sich nur erahnen. Die einzige bislang gekannte Form von Kirche und zugleich eine sehr plausible Form von Kirche war zusammengebrochen. Die Trauer darf sich ihre Bahn brechen. Für Stephanus wird eine „große Totenklage“ (Apg 8,2) gehalten, in die sich wohl auch die Klage über den Verlust der bisherigen Kirchenerfahrung einschwingt. Trauer hat ihren Platz. Aussprechen dürfen, was ist, und das nicht schönreden, sondern den Schmerz zulassen, das ist wohl eine der Grundbedingungen, damit die Krise letztendlich zu einem Wachstumsschritt werden kann. Vielleicht übergehen wir diesen Schritt heute oft zu schnell.

Nach dem Karfreitag kam auch nicht gleich Ostern – jedenfalls nicht für die Frauen und Männer der ersten Stunde. Wenn wir in der Regel gut 30 Stunden nach Ende der Karfreitagsliturgie bereits die Osternacht feiern, dann dürfen wir nicht ausblenden, dass der innere Durchbruch zum Osterglauben bei den Zeuginnen und Zeugen damals sehr viel länger gedauert hat. Das ist in der Regel näher an unserer Erfahrung des Umgangs mit Verlusten. Für Maria Magdalena war es offenbar sehr früh klar, andere brauchten de facto bis zum Pfingsttag. Aber damit hatte sich das Feuer von Ostern tief in ihre Seelen eingebrannt und diese für künftige, unerwartete und schicksalshafte Erfahrungen entscheidend geprägt.

Das wird gerade im Umgang mit dem eben angesprochenen Zusammenbruch deutlich: Der sterbende Stephanus schildert den geöffneten Himmel und „Jesus zur Rechten Gottes stehen“ (Apg 7,55). Wohlgemerkt, Jesus sitzt nicht, sondern er steht. Das Wort vom geöffneten Himmel deutet darauf hin, dass die junge Kirche in dieser dramatischen Situation den Auferstandenen auch jetzt, einige Jahre später wieder als in ihrer Mitte stehend erfährt. Ich bin überzeugt, die Frauen und Männer der ersten Stunde, in deren Seele sich Ostern eingebrannt hatte, haben angesichts der Verfolgung eines ganz existentiell begriffen: Jetzt wird Ostern wieder neu gegenwärtig. Dies lässt sie die Gegenwart anders lesen und anders gestalten. Sie begreifen neu: Der Auferstandene ist mitten unter uns, und es ist seine Sendung, die uns bewegt. So leben sie diese eine Sendung, die bleibt, in nun völlig verändertem Kontext: „Die Gläubigen, die zerstreut worden waren, zogen umher und verkündeten das Wort.“ (Apg 8,4)

Sie lebten einen Neuanfang

Mancher mag beim Lesen der letzten Zeilen denken: „Das geht aber sehr schnell. Was hat denn diese Form der Deutung ermöglicht?“ Mir fällt auf: Sowohl die Totenklage als auch die Verkündigung unter neuen Bedingungen sind ein gemeinschaftliches Tun. Der Glaube, dass es der Auferstandene ist, der mitten unter uns steht, wächst wesentlich auch durch eine gemeinschaftliche Erfahrung. Im Lukasevangelium wird dies sehr eindrücklich geschildert (Lk 24,33-36). Die Reaktion der einzelnen Jünger auf die dramatischen Ereignisse des Karfreitags war höchst unterschiedlich. Wo die einen sich abriegeln, ergreifen die anderen die Flucht. Emmaus, das Dorf, das bis heute niemand so recht lokalisieren kann, erscheint als Chiffre für den Aufbruch nach „nirgendwo“. Der Text lässt ja auch nicht im Ansatz erkennen, welches Ziel die beiden mit dem Weg nach Emmaus verbinden. Doch nach einer erneut überraschend einschneidenden Erfahrung – diesmal mit dem Unbekannten auf dem Weg und beim Brotbrechen – kehren die beiden nach Jerusalem zurück. Sie treffen wieder auf jene, die sich eingeigelt hatten. Oberflächlich betrachtet hatten sich beide Gruppen wohl wenig zu sagen. Bestenfalls Häme müssten die Zurückgebliebenen über die vorzeitigen Rückkehrer empfunden haben. Kommt uns das nicht bekannt vor, angesichts so manches Shitstorms unserer Tage?

Doch genau das Gegenteil geschieht. Beide Seiten finden eine Gesprächsebene, bei der Tiefenerfahrungen zur Sprache kommen. „Brannte uns nicht das Herz“ werden wohl nicht nur die beiden Rückkehrer gesagt haben. Diese Gesprächskultur, bei der neben dem Blick auf die Ereignisse vor allem das Platz findet, was das Herz der Erzählenden bewegt, scheint wesentlich für die Frauen und Männer der ersten Stunde gewesen zu sein. In diesen Erfahrungen wird Jesus als der Gegenwärtige erfahren, denn dann „trat er selbst in ihre Mitte“ (Apg 24,36).

Dialog der brennenden Herzen heute

Dass sich Ostern einbrennt in die Seele und prägend wird für den weiteren Weg, wird damals – wie heute – möglich, wo ein Dialog der „brennenden Herzen“ gelingt. Die „Pastoral am Puls“ versteht sich als ein Weg, Hilfestellungen genau zu solch einem „Dialog der brennenden Herzen“ zu geben. Alle existenziellen Höhen und Tiefen haben darin ihren Platz. Und wo das Feuer – oder auch die Brandwunde – geteilt wird, eröffnet sich eine neue Wirklichkeit und es wird der Blick frei, um zu erkennen, an welchen Orten und in welcher Form heute das Wort von der „Wirklichkeit des neuen Lebens“ (Röm 6,4) verkündet und gelebt werden will.

* Resilienz ist die Fähigkeit, Krisen zu bewältigen und sie durch Rückgriff auf persönliche und gemeinschaftliche Ressourcen (z. B. Erfahrungen) für persönliche und gemeinsame Entwicklungen, zu nutzen.

Bischof Dr. Michael Gerber, Fulda

Mitherausgeber des Buches „pastoral am puls“.

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Foto: © Thomas Reimer · stock.adobe.com

 

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