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Macht und Gehorsam – zwei Seiten einer Medaille

Macht und Gehorsam – zwei Seiten einer Medaille

von Maria Wolff

Seit dem frühen ägyptischen Mönchtum gehört zur Kirche die Entwicklung von Ordensregeln. Sie sind aus dem Geist des Evangeliums abgeleitet und erfahren mit der Zeit eine Fokussierung in den „Drei Evangelischen Räten“. Die Regeln versuchen zu fassen, was ein Leben im Geist Jesu sowohl für den Einzelnen als auch für eine Gemeinschaft bedeutet.

Bei aller Entwicklung ist interessant, dass Gehorsam von Anfang an dazu gehörte. Es ist die Grundhaltung Jesu gegenüber seinem Vater und dessen Weg mit ihm. Auch für Christen geht es darum, Gottes Weg zu suchen und zu gehen. Im Geist dieses Evangelischen Rates des Gehorsams zu leben, ist jedem Christen aufgegeben. 

Grundperspektive: der Wille Gottes

Wenn Priester und Mitglieder des geweihten Lebens sich in Gelübde oder Versprechen gegenüber Bischof oder Oberen zu Gehorsam verpflichten, machen sie deutlich: Ich nehme den Willen Gottes an, der durch den Vorgesetzten an mich vermittelt wird. Es ist mein Weg, um wirklich frei für andere Menschen zu werden, für neue Perspektiven, die außerhalb meines eigenen Suchens liegen können. Nur so kann ich auch für die Aufgaben meiner kirchlichen Gemeinschaft frei verfügbar sein und bleibe nicht in meinen begrenzten Vorstellungen verfangen. 

Diese Tradition des Gehorsams geht von der Vermittlung des Willens Gottes durch besonders bevollmächtigte Menschen aus: Gott handelt und spricht uns konkret durch sie an und umgekehrt geben wir Gott auch wieder durch diese Menschen im Gehorsamsakt unsere Antwort der Liebe.

Diese Weise, in der Nachfolge Jesu in Kombination kirchlicher Autoritäten zu leben, ist ein risikoreiches und herausforderndes Unterfangen. Dieses Experiment funktioniert nämlich dann nicht sinngemäß, wenn Gehorsam auf der einen Seite oder Macht auf der anderen Seite sich verselbstständigen. Vor allem dann, wenn Macht sich von dem liebenden, sorgenden Vater-Gott der Offenbarung loslöst oder wenn Gehorsam mit menschlicher Unfähigkeit und einem mangelnden Selbstwertbewusstsein einhergehen.

Vaterschaft und Autorität nur im Licht Gottes

Bei Mt 23 horcht man in diesem Themenzusammenhang automatisch auf: 

„Ihr aber sollt euch nicht Rabbi nennen lassen; denn nur einer ist euer Meister, ihr alle aber seid Brüder. Auch sollt ihr niemanden auf Erden euren Vater nennen; denn nur einer ist euer Vater, der im Himmel. Auch sollt ihr euch nicht Lehrer nennen lassen; denn nur einer ist euer Lehrer, Christus. Der Größte von euch soll euer Diener sein. Denn wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt, und wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden.“ 

Hier zeigt Jesus den Pharisäern und Schriftgelehrten die rote Karte: Es ist falsch, eure Verantwortung und Macht von Gott abzukoppeln, euch absolut zu setzen und unglaubwürdig zu leben. Ihr seid nicht die Machtfülle, ihr steht vielmehr im Dienst.

Jesus – selbst Maßstab christlicher Nachfolge und Autorität – bringt am Ende seines Lebens in den Abschiedsreden zum Ausdruck: Er als der Bevollmächtigte schlechthin steht in innerster Einheit mit seinem Vater. 

„Alles ist mir von meinem Vater übergeben worden; niemand erkennt, wer der Sohn ist, nur der Vater, und niemand erkennt, wer der Vater ist, nur der Sohn und der, dem es der Sohn offenbaren will.“ (Lk 10,22)

Alle Machtfülle ist übertragen und will vor Gott verantwortet werden. Sie ordnet sich in Gottes Ganzheit ein. Selbst wenn ein Mitglied des geweihten Lebens die Entscheidungen eines Oberen nicht immer verstehen kann, muss es dennoch die Ahnung geben: der Obere sieht sich selbst wie Jesus in einer kindlichen Beziehung und Verantwortung Gott gegenüber und setzt sich nicht absolut. Er ringt um eine umfassende, von Fürsorge geprägte Erkenntnis und um entsprechendes Entscheiden und Handeln. 

Gehorsam ist nur dann menschenwürdig, wenn die Durchsicht oder zumindest ein freies Vertrauen auf Gott hin möglich ist. Schwierig wird dieses Vertrauen, wenn ein „Machthaber“ seine Macht missbraucht und sie daher eigentlich nicht haben dürfte. Statt Brücke zu Gott zu sein, zerschneidet er die Verbindung. Er verhindert Gotteserfahrung und eine freie Antwort der Liebe seines ihm Anvertrauten.

Gehorsamsfaktor Freiheit

Pater Josef Kentenich war ein großer Freiheitskämpfer. An-dressiertes Duckmäusertum forderte ihn schon am Anfang seiner Spiritual-Tätigkeit im Studienheim 1912 heraus und dies setzte sich in allen Bemühungen um eine sinngemäße pädagogische Prägung seiner Gemeinschaften und der Bewegung fort. „Gott will keine Galeerensklaven – er will freie Ruderer.“ Er ist der Überzeugung, dass wir heute im zunehmend manipulierten Massenmenschentum darauf achten müssen: Ein Leben aus dem Evangelium ist nur dann sinngemäß, wenn der einzelne Mensch sich als geliebtes und einmaliges Kind Gottes erfährt und frei im Gehorsam auf Gottes Liebe mit Hingabe und Verfügbarkeit reagieren kann. Zwang ist eines Kindes Gottes nicht würdig. Wohl aber ein inneres Hineinkämpfen, wenn es mit Vorschriften und Anordnungen konfrontiert wird. Das Kind in uns wird immer mal wieder von Abwegen krankhafter Egozentrik weggerufen. Daher kann ein wirklich nach Freiheit strebender Mensch riskieren, durch „bevollmächtigte“ Personen Horizonterweiterungen anzunehmen. Wie könnte das dann z. B. für Josef Kentenich im Konkreten gehen?

Ein fiktives Gespräch mit Sitz im Leben:

Institutsmitglied: Es möchte nicht zur verpflichtenden Tagung kommen. Es hat verschiedene Gründe und zählt diese dem Oberen gegenüber auf und bittet um Dispens von der Teilnahmepflicht.

Der Obere: hört zu – bemüht sich zu verstehen, in die Seele zu schauen – ertastet die Stimme Gottes. Er sagt nicht einfach Ja und Amen, was für ihn das Einfachste wäre. Ihm ist klar: sowohl ich als auch mein Gegenüber müssen die im Versprechen frei eingegangene Selbstverpflichtung ernst nehmen – der Obere ringt in Verantwortung Gott, dem Mitglied gegenüber um klare Sicht. Er benennt Aspekte, die aus seiner Sicht für eine Teilnahme an der Tagung sprechen. Dabei ist seine Grundhaltung von Verantwortung und Wohlwollen geprägt, von Achtung vor der Freiheit des anderen. Ohne Druck in sich oder dem Institutsmitglied gegenüber sagt er alles Wichtige. Dann kann er formulieren: „Ich habe jetzt alles gesagt, was ich meine, sagen zu sollen. Ich bitte dich, nochmal ins Gebet zu gehen und darin die Entscheidung zu suchen, die sich dir von Gott her nahe legt. Sage mir dann deine Entscheidung! Ich werde sie so dann uneingeschränkt akzeptieren.“ 

Der Obere meint dies ehrlich und gibt an Gott die Entscheidungsmacht zurück. Er vertraut dem Heiligen Geist und dass die dann vom Institutsmitglied getroffene Entscheidung richtig ist. 

Dieses entkrampfte Zusammenspiel von Macht und Gehorsam verhindert geistlichen Missbrauch und ermöglicht begleitende Wachstumswege. Sie ist ein Weg klarer Führung und zugleich ein Festmachen am Willen Gottes.

Ein möglicher Weg für alle „Ermächtigen“ – kirchlich wie weltlich, auch für Eltern und Erzieher? 

Maria Wolff

ist Mitglied der basis-Redaktion. Sie ist verheiratet und hat drei erwachsene Kinder. Die Diplom-Theologin gehört zusammen mit ihrem Mann zum „Institut der Schönstattfamilien“, in dessen Auftrag die beiden in den vergangenen Jahren verschiedene Leitungsaufgaben wahrgenommen haben.

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