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Mein internationales Leben

Mein internationales Leben

von Wolfgang Wackerbauer

Meine erste internationale Erfahrung erlebte ich als 13-jähriger Bub zum Jahreswechsel 1966/67 bei einer Cambraifahrt der Schönstatt-Mannesjugend (SMJ). Richtig international wurde mein Leben im Herbst 1974, als ich mein Theologiestudium in Rom fortsetzen konnte. An der von Jesuiten geleiteten Gregoriana studierten damals Studenten aus etwa 100 Nationen, im Germanikum-Hungarikum, wo ich wohnte, lebten Studenten aus über zehn Nationen. Im Haus wurde deutsch gesprochen, an der „Greg“ wurde auf italienisch gelehrt, und wir sprachen meist auch italienisch miteinander. In Rom erlebte ich die Vielfalt der katholischen, weltweiten Kirche.

1994 schrieb ich das Lied Abramino. Nach zwölf Jahren seelsorglicher Tätigkeit musste ich schweren Herzens Abschied von Würzburg nehmen. In meinen nun folgenden Schweinfurter Jahren wurde ich auch zum Pilgerpapa, denn ich eröffnete mit meinen SchülerInnen zwei Pilgerwege, nach Vierzehnheiligen und nach Assisi/Rom. 

Ab September 2002 konnte ich ein Sabbatjahr machen. Sieben Wochen davon verbrachte ich in der Pfarrei Madre de Cristo von Trujillo. Danach entschloss ich mich, meine Arbeit als Religionslehrer zu unterbrechen und in Peru zu arbeiten.

Was ich im Abramino-Lied gesungen hatte, das passte jetzt, Ende 2003, noch viel besser: Kleiner Abraham, zieh fort, in das Land, das ich dir zeigen werde! Ich bin bei dir und lass dich nicht allein, du bist bei mir, wo du auch sonst magst sein. Jetzt wurde mein Leben erst so richtig international: ich musste Spanisch lernen, und meine Italienisch-Kenntnisse halfen mir dabei. Dennoch waren die ersten Monate in der Pfarrei schwierig, denn ich konnte mich nicht gut ausdrücken. Bei meinen Predigten hatte ich wohlwollende Helfer zur Seite – zum Beispiel die Krankenschwester Silvia – , die mir aus mancher sprachlichen Patsche halfen und die passenden Worte zuriefen, was die Gottesdienste auflockerte und erheiterte. Ich gewöhnte es mir an, zum Ende der Predigt etwas Schönes auf meiner Blockflöte zu spielen. Die Musik gefiel meinen Gemeinden viel besser als meine holprigen Ansprachen, am Ende gab es immer donnernden Applaus.   

Einfache Menschen sind dem Experten voraus

Seelsorger in Peru, in Lateinamerika sein, hieß, mich auf eine ganz andere Kultur und Mentalität einlassen. Schon die äußere Situation war jetzt ganz anders: Ich lebte mitten in einem Armenviertel, musste auch im Alltag – zum Beispiel auf der Straße – viel vorsichtiger sein als im sicheren Deutschland. Die Peruaner mit ihrer Unpünktlichkeit (an die ich als halber Italiener schon gewöhnt war), mit ihrem Enthusiasmus (in dem Unzähliges versprochen, aber nur Weniges gehalten wird), mit ihrem Herumreden um den heißen Brei (aus Angst, für die Wahrheit kritisiert zu werden), das war nicht so gut. Aber diese negativen Dinge wurden bei weitem aufgewogen durch meine positiven Erfahrungen: Ich wurde von meinen Schäflein – besonders von den Frauen und Mädchen – förmlich mit Liebe überschüttet. Ich erlebte, wie ganz arme Leute gleichzeitig grenzenlos freigiebig waren, wie Menschen, denen es ganz dreckig ging, dennoch Lebensfreude ausstrahlten – während ich bei kleinen Problemen schon mutlos wurde – , wie es mitten in einer unmenschlichen und brutalen Umgebung – Bandenterror, Morde, Entführungen…– tiefe und echte Menschlichkeit gab. Immer wieder erfuhr ich die paradoxe Situation, dass ich – als theologischer Experte – die Menschen, die gern auf meinen Rat hörten, belehren sollte, dass diese einfachen, unstudierten Leute mir aber andererseits durch ihren kindlich-vertrauensvollen Glauben, ihre Standhaftigkeit in schwierigen Situationen, ihre heitere Menschlichkeit, weit voraus waren. Unglaublich!

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Wolfgang Wackerbauer

Jahrgang 1953, im Spessart aufgewachsen, Priesterweihe 1978, nach der Kaplanszeit 20 Jahre Religionslehrer an Gymnasien in Würzburg und Schweinfurt. Nach einem Sabbatjahr verließ der leidenschaftliche Pilger 2003 Europa und arbeitete als zweiter Pfarrer in einer großen Gemeinde am Stadtrand von Trujillo/Peru. Gab Ende 2005 den priesterlichen Dienst auf, als er sich zu seiner Beziehung mit der jungen Peruanerin Susana bekannte. Standesamtliche Heirat im gleichen Jahr. Sohn José Patrick wurde 2006 geboren, 2008 Tochter María José. Laisierung durch Rom 2014, kirchliche Heirat in Wackerbauers Heimatort Frammersbach 2017. Er arbeitet als freier Musiker im peruanischen Trujillo, der Stadt des ewigen Frühlings.

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Beitragsfoto: © Wolfgang Wackerbauer

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