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Pater Kentenich – einer, der zur Liebe befähigt

Pater Kentenich – einer, der zur Liebe befähigt

von Doria Schlickmann

Bedingungslos lieben

Am 20. Oktober 2015 erhielt der islamische Schriftsteller Navid Kermani den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels für sein Buch: „Ungläubiges Staunen über das Christentum“. Sein Staunen richtete sich vor allem auf ein besonderes Merkmal der Christen: ihre bedingungslose Liebe. N. Kermani, überzeugter Muslim, entdeckt ein Lieben, das keine Gegenleistung erwartet oder Bedingungen stellt: Wenn du so oder so bist, denkst, reagierst, wenn du das oder jenes tust, wenn du mir genehm bist und mir guttust, dann liebe ich dich, sonst nicht.

Am Vorbild ihres Meisters scheinen Christen zu lernen, was Lieben heißt. ER, der (aus) Gott ist, brachte Zeugnis darüber, wie sehr „Gott die Liebe ist“ und was Liebe eigentlich in sich schließt. Damit brachte Jesus Christus für uns Menschen die Chance, in dieser Welt schon das Leben zu haben, und zwar in einer Fülle zu haben (vgl. Joh 10,10), wie wir es uns zuvor kaum vorstellen konnten.

Ob es diese Lebensfülle war, die eine junge Akademikerin nach einer ersten Begegnung mit Pater Kentenich veranlasste, in ihr Tagebuch zu notieren: „Wie kommt man zu solcher Menschenliebe?“

Allein diese Frage deutet an, wie sehr Begegnungen mit ihm im Gegenüber den Wunsch auslösten: So möchte ich auch lieben können!

Was waren eigentlich Merkmale seiner Liebe, die so viele unterschiedliche Menschen ins Staunen versetzten? Und wie befähigte er andere, zu einer solchen Liebe heranzureifen?

„Was war es, das ihn anziehend machte? Warum ging man so gern zu ihm?“ Diese Frage stellte ich einem älteren Ehepaar, das Pater Kentenich in Milwaukee erlebt hatte. „He made you feel, you are the most important thing of the world!” – „Er gab dir das Empfinden, das Wichtigste auf der Welt zu sein!“, war die spontane Antwort von Mr. Horn, dem Ehemann. Eine weitere Zeitzeugin ergänzte ebenso spontan: „Und man fühlte sich dadurch auch wirklich von Gott geliebt.“

Gold entdecken

Pater Kentenich hatte Raum im Herzen, um verschiedenste Menschen in sich aufzunehmen. Ohne zu ahnen, wie sehr er damit auch ein Selbstzeugnis gibt, erklärt er in einem Vortrag:

 „Je selbstloser ich bin, je gelöster von mir, desto geöffneter bin ich für fremde Werte, für das Edle und Adelige im Gegenüber.“

Er trug eine Lebensfülle und Liebeskraft in sich, die rein natürlich nicht zu erklären ist. 

„Ich bete Gott in den Seelen an!“, 

meinte er einmal ganz ungeniert auf die Frage, wann er denn Zeit zum Beten fände bei den vielen Besuchern täglich. Für ihn waren es immer originelle Seelen mit einer gottgeschenkten Sendung, originelle Ideen Gottes, keine Schablonen. Deswegen gelang es ihm, jede Art zu bejahen. 

Der Blick auf seine Person ist kein Selbstzweck, etwa, um unsere Bewunderung hervorzurufen, sondern er will uns anregen: Wie ist das bei mir? Kann ich mit fremden Arten gut umgehen? Pater Kentenich weist daraufhin: 

„Was wir bei anderen als Unart ansehen, ist oft nicht verstandene Eigenart.“

Als Gefährten im Konzentrationslager Dachau sich über einen Mitbruder aufregten, bemerkte er lächelnd: „Hat er nicht eine nette Art?“ Damit lud er seine Begleiter ein, den Weg zur Eigenart des Gegenübers zu finden, das Gold im anderen zu entdecken. In solcher Art der „Schatzsuche“ entwickelte er sich geradezu zum Meister. „Ich sehe viel mehr Schönes in Ihnen als Sie selbst!“ Wo es ihm möglich war, suchte er diesen Weg zum anderen zu eröffnen, indem er half, den Schatz zunächst in sich selbst zu finden. Dies glückte, weil er sein Gegenüber nicht nur den eigenen Wert erkennen, sondern auch erleben ließ. Die Wertschätzung, die er dabei zum Ausdruck brachte, fasste einer seiner Besucher zusammen: Komisch, dass man von Pater Kentenich immer als besserer Mensch weggeht als man gekommen ist!

Sich ganz einbringen

Josef Kentenich war früh in die Lebensschule Marias „geraten“, hatte durch sie und durch viel persönliches Leid gelernt, sich von sich selbst zu lösen und erfahren, dass Lieben ohne diese Loslösung nicht geht. 

Mit vierzehn Jahren verfasst er ein Gedicht: „Macht der Liebe“ (1900 in Köln), das nicht nur sein eigenes Schicksal zum Thema hat, sondern auch das Leid von Menschen seiner näheren und ferneren Umgebung.

Kaum kommt er im Internat Schönstatts als geistlicher Erzieher – Spiritual – zum Einsatz, erklärt er den Jungen: „Lieben lernt man durch Lieben!“ Lieben geht also nicht einfach so, man muss es lernen. Und er macht es ihnen anschaulich vor: „Ich stelle mich euch hiermit vollständig zur Verfügung mit allem, was ich bin und habe: mein Wissen und Nichtwissen, mein Können und Nichtkönnen, vor allem aber mein Herz.“

Josef Kentenich gab nicht etwas – er gab sich selbst – und zwar ganz. Zwei Mittelpunkte habe es damals im Haus für die Jungen gegeben, so erzählt einer der Schüler: „das Allerheiligste in der Kapelle“ und der „Pater Spiritual“. Mit ganzer Hingabe widmete sich Pater Kentenich seinen Jungen, half ihnen bei jeder Art von Schwierigkeiten. Geduldig hörte er ihnen zu, war immer für sie da. Als der Krieg ausbrach, war er umso mehr die Anlaufstelle für die an alle Fronten Europas versprengten Jungen. Ohne Rücksicht auf die eigene Gesundheit antwortete er auf ihre Briefe, schrieb Tag und Nacht, zu einer Zeit, da er selbst aufgrund seiner Krankheit bereits
26 Pfund verloren hatte. Und ihn interessierte nicht etwas am anderen. Ihn interessierte einfach alles, was dem anderen wichtig war. So schrieb er oft unter Briefe: „Haben Sie noch irgendeinen erfüllbaren Wunsch?“ Und er schickte den jungen Männern nicht nur Rosenkränze, Medaillen und fromme Lektüre, sondern auch Schinken, Rauchwaren und warme Socken. 

Wenn wir lieben, können wir nicht „etwas“ einbringen, es braucht unsere ganze Person.

Emporbildendes Verstehen

Die Liebe Pater Kentenichs blieb nicht hängen am Fehlverhalten oder an den Grenzen des anderen. Er war einfach fest entschlossen, zu lieben, allen alles zu werden, bedingungslos. 

Seine Liebe war frei vom Ichsüchtigen geworden, daher konnte er Menschen, die ihm vertrauten, auch offen ins Antlitz die Wahrheit sagen. Seine Wertschätzung ging so weit, dass er nicht, nur um gut anzukommen oder gemocht zu werden, etwas schönredete, was nicht schön war. Wo immer dann eine Selbsterkenntnis sich Bahn brach, war er voller Güte und Verstehen und übte das, was er anderen so gern vermitteln wollte: das emporbildende Verstehen. 

Pater Kentenich kritisierte niemanden, weil er sich gestört fühlte, verletzt oder verärgert war oder um seinen Unmut loszuwerden, nicht, um das Gegenüber klein- oder gar niederzumachen, sondern um es zum Blühen zu bringen und nach jeder Richtung zu fördern, sodass man sich fast geehrt fühlte, wenn er einen auf etwas aufmerksam machte. 

Als seine Sekretärin in Milwaukee einmal leicht pikiert meinte, ihr würde er nie etwas sagen (gemeint: für ihre Selbsterziehung), entgegnete er: „Sie haben mich ja auch noch nie darum gebeten.“ Und er lebte vor, was er Pädagogen zu vermitteln suchte: Ehrfurcht zu haben vor der Grenze im anderen!

So lädt er auch uns heute zur Selbstbesinnung ein: 

Wann und warum kritisiere ich andere, meinen Mann,
die Kinder, Freunde, Kollegen? 

Welche meiner Reaktionen lässt den anderen wachsen, groß werden? 

Will ich ihnen wirklich einen Dienst erweisen oder mich
nur innerlich entspannen?

Liebe nicht zurücknehmen

Als Menschen, denen Pater Kentenich vertraut und sein Herz zur Verfügung gestellt hatte, ihm eines Tages den Rücken kehrten, ihn verleumdeten und schließlich sogar anklagten, nahm er von seiner Liebe nichts zurück. Für ihn war das einfach Ausdruck der Treue: Ich liebe dich und das ist endgültig! Weder Enttäuschungen noch Verletzungen konnten so groß sein, dass er seine Liebe innerlich zurückzog, auch wenn er noch so sehr unter der Enttäuschung litt.

Leicht sind wir geneigt, bei Enttäuschungen und Verletzungen den anderen abzuschreiben. Wir sind versucht, zu denken: Hätte ich doch nur nicht so geliebt, dann täte es jetzt nicht so weh! Aber Pater Kentenichs Rat geht in eine andere Richtung: Bereuen wir nie, geliebt zu haben, denn das macht uns Gott ähnlicher!

Das erfahrene Leid soll uns nicht untauglich machen für die Liebe, sondern im Gegenteil: „Liebe bewährt sich im Leid. Leid nährt (sogar) die Liebe“, so schreibt er. – Und er muss es ja wissen. Er wird zu einem Meister der Menschen- und Gottesliebe und ist vorgestoßen zu diesem letzten, göttlichen Geheimnis der Liebe, wie sie im Kreuzestod Jesu in der letzten Vollendung greifbar wird. 

Und alle, die ihm in irgendeiner Weise folgen, will er in diese Liebe einführen. Jede Begegnung mit ihm ermutigt dazu – auch heute.

Es ist eine vorbehaltlose, bedingungslose Liebe, die von sich abzusehen gelernt hat, keine Opfer scheut, eine Liebe, wie sie Christen auszeichnen soll. Damit auch mich?

Der Artikel erschien erstmals in: BEGEGNUNG –
Zeitschrift aus Schönstatt für Frauen, 4/2017

 

Doria Schlickmann

Dr. phil., Schönstätter Marienschwester, befasst sich intensiv mit der Biographie Pater Kentenichs.

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Foto: © lassedesignen · stock.adobe.com

 

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