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Priestersein heute 

Lachende Kinder zeigen Daumen hoch

Warum ich die Lebensform des Zölibat schätze

von Thomas Eschenbacher

Als Jugendlicher war für mich ganz klar, dass ich nie Priester werden kann, denn da darf man ja nicht heiraten. Ich war in dieser Einstellung wohl eher Kind meiner Zeit und habe deshalb diese Einschränkung im Leben eines Priesters als eine gravierende Beschränkung der eigenen Freiheit empfunden.

Jahre später ist mir klar geworden, dass in der Mitte des Priesterseins nicht die Frage nach der Ehelosigkeit steht. Die Nachfolge Jesu im Dienst als Priester hat sehr viele Facetten. Wenn man die einmal erkannt hat, stellt sich die Frage nach der Lebensform noch einmal ganz anders.

Beziehungen

Als Jugendlicher habe ich in vielen Gruppenstunden, Wochenenden, Zeltlagern und Tagungen tolle Menschen kennengelernt. Für mich wurde irgendwann klar, dass ich das, was ich in der Jugendarbeit der Schönstattbewegung erlebt und erfahren habe, unheimlich gerne als Beruf ausüben möchte. Nach einiger Zeit ist mir klar geworden, dass dabei der christliche Glaube eine zentrale Rolle spielt. Pädagogik und Psychologie, Gemeinschaft und Erlebnis sind Unterthemen bei der Frage nach Gott. Auf der Ebene der verschiedenen Gemeinschaftsformen ist mir aber auch klar geworden, wie vielgestaltig Gott zu mir in den unterschiedlichsten Beziehungen spricht.

Bis heute ist mir deshalb vor allem in meinem Wirken als Priester ein reichhaltiges Beziehungsgeflecht wichtig. Es lässt mich Einblick nehmen in das Leben vieler Menschen. Ich bin ein Beschenkter und dauerhaft Lernender, weil andere mich an ihren Fragen, Sorgen und Glücksgefühlen teilhaben lassen. Besonders die Tiefe der vielen Gespräche und das große Vertrauen der Menschen hinterlassen bei mir den Eindruck, dass jede Beziehung zu Menschen immer etwas Besonderes ist. Die Freiheit und Ungebundenheit an eine eigene Familie gibt mir die besondere Chance, in diese Art der Beziehungen durch die Lebensform des Zölibats viel Kraft und Zeit zu investieren, ohne mich dabei selbst zu verlieren. In manchen Beziehungen bin ich nämlich auch selbst derjenige, der vom Miteinander profitiert, weil mein Gegenüber mich seine Wertschätzung spüren lässt oder mein Leben aufmerksam kritisch begleitet.

Lebensglück

Kann man ohne Kinder sein Glück finden? Das muss ich ganz klar verneinen. Die Frage ist nur, in welcher Art Kinder in meinem Leben eine Rolle spielen. Reicht es mir, dass die Kinder, die mein Leben kreuzen, nicht meine eigenen Kinder sind? Das kann ich zumindest für mein Leben bejahen. Ob das nun die Kleinsten im Kindergarten sind oder auch Jugendliche, die bereits in der Arbeitswelt stehen, Kinder und Jugendliche haben mein Leben immer bereichert, sei es, weil sie mir einfach herzlich und offen begegnet sind und so meine eigene Offenheit herausgefordert haben, oder weil sie herausfordernd ehrlich sind und meine persönlichen Überzeugungen überprüft haben, damit ich mir im eigenen Leben nie etwas vormache. Das Lebensglück einer eigenen Familie ist sehr hoch anzusiedeln, aber ich bin überzeugt, dass man auch in der etwas anderen Lebensform des Zölibats sein persönliches Glück finden kann, wenn man offen ist für die Menschen um einen herum und sich nicht zu sicher ist, dass man schon alle Lebensweisheit in sich hat.

Erfüllung

Jesus selbst verspricht uns ein Leben in Fülle, doch ist der Verzicht ein so zentrales Element im Zölibat, dass eine Erfüllung im Leben eines ehelos lebenden Menschen überhaupt möglich ist? Verzicht ist aber nicht nur im Zölibat ein wichtiges Element. Auch in der Ehe lernt man sehr schnell, dass man nicht nur seinen eigenen Egoismen frönen kann. Spätestens wenn Kinder eine Ehe bereichern, merkt man schnell, dass manche persönliche Wünsche  hinten anstehen müssen, weil anderes im Vordergrund steht. Auch die Liebe zweier Menschen, die im Alltag trägt und beflügeln kann, ist auch immer wieder einmal auf dem Prüfstand, wenn Herausforderungen die Brille der zärtlichen Liebe verschleiern.

So finden sich Eheleute und zölibatär lebende Menschen immer wieder in der gleichen Spur, wenn sie im Grau des Alltags wieder nach dem suchen, was sie einmal als Erfüllung ihrer Lebensentscheidung erwartet haben. Dabei entwickelt jeder Mensch seine ganz eigenen Strategien, wie man aus den Tälern wieder nach oben kommt. Für mich ist dabei immer auch meine Priestergemeinschaft in Schönstatt eine ganz wertvolle Stütze und Hilfe und darüber hinaus sehr gute und persönliche Beziehungen, wenn ich jemanden zum Reden brauche, um selber in die Spur zu finden.

Erfolg

Auch ohne Lebenspartnerin und ohne Kinder braucht der Mensch etwas, das ihn dauerhaft trägt und hält. Die Gefahr besteht, dass man sich dann mit Macht oder Erfolg selber etwas beweisen muss. Zumindest beim Thema Erfolg darf man sich nicht in christlicher Gesinnung gleich angeekelt zur Seite beugen. Jeder braucht das Gefühl, dass das, was er tut, auch einen Sinn macht. Vor allem dann, wenn man in einer Leb  ensform um des Himmelreiches willen auf das verzichtet, was für viele andere wie selbstverständlich dazugehört. Ich möchte meine Lebensform immer als Unterstützung sehen, dass ich vielleicht auch mal etwas bewege und erreiche, was mir auf einem anderen Weg nicht gelungen wäre. „In der Art, wie du für uns immer da warst, hättest du das vielleicht nicht machen können, wenn du dich auch um deine eigene Familie noch gekümmert hättest“, sagte mir einmal ein junger Mann, mit dem ich viele Jahre in der Jugendarbeit zu tun hatte. Hier darf man aber nie den Fehler machen und sich an sich selbst überheben. Ob das Zölibat bei mir ein segensreiches Fundament war, wage ich nicht zu behaupten, aber ich hatte schon immer wieder den Eindruck, dass ich das eine oder andere Mal meine Kraft nur schwer mit einer eigenen Familie hätte teilen können.

Zärtlichkeit

„Aber jetzt mal ganz offen, wie hältst du es mit der Zärtlichkeit, die doch jeder Mensch braucht, oder hast du das etwa nicht nötig?“ Diese Frage schwebte einmal für mehrere Sekunden im Raum, bevor ich ansatzweise eine Antwort darauf gefunden habe. Ja, Zölibat heißt für mich Verzicht auf Intimität und körperliche Zärtlichkeit, und das ist sicher auch ein Verlust in dieser Lebensform. Es ist aber auch keine Katastrophe, wenn sich die Zärtlichkeit eines mich liebenden Gottes nicht unbedingt körperlich ausdrückt. 

Es gibt viele Formen von Zärtlichkeit, die sich in meinem Leben immer ausgedrückt haben: Gemeinsam weinend nach acht Tagen Pilgermarsch am Ziel der Pilgerreise zu stehen, in der persönlichen Trauer von einem Freund oder einer Freundin in den Arm genommen zu werden, ein Zeichen der Wertschätzung und des Dankes von einem Mitglied der eigenen Pfarrgemeinde zu erhalten, wenn man auch nach Jahren der Seelsorge in einer früheren Stelle von den Menschen nicht vergessen wird, und vieles mehr. An dieser Stelle wird mir immer wieder klar: Zärtlichkeit gibst du dir nicht selber, das geben dir andere von sich aus, weil sie es einfach so wollen. Hier hoffe und vertraue ich einfach darauf, dass Zeichen der Zärtlichkeit nie aufhören und das, was man anderen schenkt, nie als selbstverständlich hingenommen wird.

Freude

Die Erfahrung von Freude, Lebendigkeit, Spaß und zahlreiche Überraschungen überwiegen in meinem Leben kleine Erfahrungen von Einsamkeit und Mutlosigkeit. Mein Leben fühlt sich nicht arm an, weil die Menschen in meinem Leben mir nie das Gefühl geben, dass ich völlig von der Rolle bin, nur weil ich anders lebe als die meisten. Ich bin glücklich in meinem Leben und spüre die Lebensform des Liebesbündnisses als tragende Grundkraft in meinem Leben in horizontaler und vertikaler Richtung: Die Beziehung zu Gott und den Menschen und die Verwobenheit beider macht mein Leben reich und lässt mich meine Lebensform nie als Verlust, sondern immer als Gewinn für meinen Dienst als Priester erfahren.

Thomas Eschenbacher

ist Pfarrer der Pfarreiengemeinschaft „Sieben Sterne“ Hammelburg in der Diözese Würzburg und Mitglied im Institut der Schönstatt-Diözesanpriester.

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