Rien ne va plus – oder doch?
Warum Karfreitag nicht das Ende bedeutet
von Manfred Gerwing
„Rien ne va plus!“ Dieser Satz fällt im Casino beim Roulette. Nichts geht mehr. Keine Einsätze mehr möglich. Die Kugel rollt. Das Schicksal entscheidet. Ab jetzt gibt es kein Zurück. „Rien ne va plus“ – dieser Satz beschreibt ein Gefühl, das viele Menschen kennen: wenn eine Diagnose alles verändert, wenn eine Beziehung zerbricht, wenn Schuld nicht mehr ungeschehen gemacht werden kann, wenn die Panzer rollen, die Bomben fliegen und Friedensverhandlungen erst in den Wind geschlagen und schließlich immer wieder scheitern, der Krieg mit seinen zahllosen Toten jedenfalls kein Ende nimmt.
„Rien ne va plus!“ So fühlt sich auch Karfreitag an: Der Himmel verdunkelt sich. Freunde laufen davon. Unschuld wird verurteilt. Jesus stirbt am Kreuz. Wenn es je einen Moment gab, an dem man sagen konnte: „Jetzt ist alles vorbei“, dann hier.
Machen wir uns nichts vor: Jesus starb „mit Zittern und Zagen“, mit einem lauten Schrei, wie es in Mk 15,37 heißt. Diesen Todesschrei hat die apostolische Gemeinde von Psalm 22 her gedeutet: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen!“ So gedeutet aber kann der Schreckensschrei am Kreuz nicht mehr als Schrei der Verzweiflung und Vereinsamung wahrgenommen werden; er muss im Sinne alttestamentlicher Rechtsklage verstanden werden. Der ebenso brutal wie unschuldig in den Tod Gestoßene klagt Gottes Gerechtigkeit und Hilfe ein. Dabei geht es nicht so sehr um seine Gerechtigkeit, sondern um Gott selbst. Gott allein vertritt seine Sache in der Geschichte. Gott allein offenbart seine Herrlichkeit vor aller Welt.
Ein von Gott gewirkter Neuanfang
Der Menschensohn befindet sich in den Händen der Menschen. Er ist ihnen ausgeliefert, mehr noch: Er ist den Unheilsmächten der Welt preisgegeben. Nach Markus (Mk 15,33) verbreitet sich im Kreuzesgeschehen die Dunkelheit über das ganze Land. Die satanische Macht der Finsternis ist in der Passion Jesu am Werk. Sie macht die Schuld der Menschen nicht geringer, sondern deckt sie auf, zeigt sie an, offenbart die ganze Katastrophe des unerlösten Menschen: „Rien ne va plus!“ Nichts geht mehr!
Doch gerade darin zeigt sich der Einbruch Gottes in die Welt, das radikal Neue, der von Gott gewirkte Neuanfang: Der Schreckens- und Todesschrei des Gerechten und Heiligen Gottes reißt die Finsternis auf, zerreißt den Vorhang des Tempels und erschüttert den Unglauben des heidnischen Soldaten, des Kommandanten des Hinrichtungstrupps. Apokalyptische Ereignisse treten auf, begleiten den Todesschrei Jesu und unterstreichen die Gerichtsszene. Die alte Welt steht in Flammen, die Welt der Eitelkeiten, der Gewalt und der Macht wird bloßgestellt. Gott erweist sich in seinem Gerechten als der Heilige. In ihm, dem Ohnmächtigen, erweist er sich als der Handelnde. Gott hat seinen Sohn preisgegeben (Röm 8,32; Joh 3,16).
Dieser Satz von der Preisgabe des Sohnes darf nicht verharmlost oder gar zu einer Episode von drei Tagen bagatellisiert werden. Im Gegenteil: Er gehört zu den verstörendsten Aussagen des Neuen Testaments. Denn hier geschieht das, was Abraham erspart blieb. Damals griff Gott ein. Damals blieb das Opfer aus. Hier wird der Sohn nicht verschont. Hier wird er ausgeliefert: bewusst, gewollt, endgültig. … weiterlesen?
… Einzelausgabe kaufen für 3,80 € (Post) oder im Shop als PDF oder abonnieren (Formular)
Beitragsfoto: © Studio Romantic · stock.adobe.com

