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Risiko und Gottvertrauen

Risiko und Gottvertrauen in der Bibel – eine Spurensuche

von Andreas Ruffing

Der Sohn eines reichen Bauern ist gerade am Pflügen, da kommt ein Fremder vorbei. Dieser wirft seinen Mantel über ihn, nimmt ihn mit diesem symbolischen Akt in seinen Dienst und macht ihn zu seinem Nachfolger. Der Bauernsohn schlachtet die beiden Rinder, mit denen er gerade gepflügt hatte, bereitet damit ein großes Abschiedsessen vor und folgt danach dem Fremden. 

Ein Bauer, der Hals über Kopf Familie und Land verlässt, ein Mensch, der seine ganze bisherige Existenz mit einem Schlag aufgibt und einem Fremden in eine ungewisse Zukunft folgt – eigentlich ist das eine ziemlich merkwürdige Geschichte, die im ersten Buch der Könige in Kapitel 19 erzählt wird. Wie würde ich reagieren, wenn ein Unbekannter zu mir kommt und sagt: „Du machst jetzt meinen Job!“? Der Fremde, der in dieser Geschichte an den Feldern des reichen Bauern vorbeikommt, ist übrigens der Prophet Elija und der Bauernsohn, der sein bisheriges Leben aufgibt, sein Nachfolger Elischa.

Von den Vielen, die aufbrechen

Die Bibel erzählt an vielen Stellen davon, dass Menschen Vertrautes hinter sich lassen und Neues wagen, ja, dass sie ein komplett neues Leben beginnen. Sehr oft sind es Erzählungen von Menschen, die einem besonderen Ruf, nämlich einem Anruf Gottes folgen. Mit Abraham beginnt diese Reihe, sie geht weiter über Mose, der das Volk durch die Wüste führt, zu den Propheten des Alten Testaments und verläuft nahtlos im Neuen Testament weiter mit Maria und Josef und den Jüngern und Jüngerinnen, die Jesus folgen. Und natürlich ist in dieser Reihe auch Paulus als eine besonders markante Gestalt einzuordnen.

Berufung und Risiko

Die Berufungsgeschichten der Bibel sind immer auch Risikogeschichten. Denn dem Ruf Gottes zu folgen bedeutet, Schritte ins Unbekannte zu gehen und bisherige Sicherheiten und Gewissheiten aufzugeben: Der Bauer, der seine heimische Scholle verlässt, die Fischer vom See Genezareth, die auf ihr gutes Einkommen verzichten, der gelehrte Jude aus Tarsus mit römischem Bürgerrecht, der vom Verfolger zum Verfolgten wird. Ja, ein Leben unter dem Anruf Gottes kann im Extremfall sogar existenz- und lebensbedrohend sein, wie es die Geschichte des ersten Märtyrers Stephanus in der Apostelgeschichte exemplarisch und in äußerster Zuspitzung verdeutlicht. 

Das Schicksal des Propheten Jeremia ist dafür ein weiteres Beispiel. Nirgendwo in der Bibel werden so anschaulich und berührend die „Risikofolgen“ für einen Propheten geschildert wie gerade in diesem Buch. Für seinen prophetischen Auftrag verzichtet Jeremia auf Ehe und Kinder, widerspricht damit allen gängigen Männlichkeitsbildern und -erwartungen seiner Zeit und gerät folgerichtig ins gesellschaftliche Abseits (vgl. Jer 16,1-9). Doch es kommt noch schlimmer: Nicht nur seine politischen Gegner, sondern auch die Menschen seiner Heimatstadt Anatot trachten ihm nach dem Leben (Jer 11,18-21). Und selbst aus der Solidarität seiner eigenen Familie fällt er schließlich heraus (Jer 12,6). Entwurzelt und heimatlos führt ihn sein Weg schließlich nach Ägypten, wo sich seine Spur verliert.

Vertrauensgeschichten

Die Berufungsgeschichten der Bibel sind zugleich aber auch Vertrauensgeschichten. Denn trotz aller Ungewissheiten, Risiken und Gefährdungen der Berufung sprechen sie immer auch von der Hoffnung, dass Gott Menschen auf ihren individuellen Lebenswegen stützend und tröstend begleitet. 

Und wiederum ist es das Jeremiabuch, das diese existentielle Erfahrung mit am eindringlichsten ins Wort bringt. In Jer 20,1-18, einem der ergreifendsten Texte des Alten Testamentes, wendet sich der Prophet, der aus allen sozialen Bezügen herausgefallen ist, an den einzigen, an den er sich jetzt noch wenden kann, an Gott. Aber gerade Gott ist es ja, der ihn mit seiner Berufung zum Propheten in diese schier aussichtslose Lage gebracht hat. „Denn das Wort des Herrn bringt mir den ganzen Tag nur Hohn und Spott, ein jeder verhöhnt mich“ (Jer 20,7), klagt Jeremia, um zugleich auf eben diesen Gott seine große, seine einzige und letzte Hoffnung zu setzen: „Singt dem Herrn, rühmt den Herrn; denn er rettet das Leben des Armen aus der Hand der Übeltäter.“ (Jer 20,13)

Der versprochene Beistand

Das Vertrauen auf Gott ist eine prägende Grundmelodie dieser Texte, die sich auch auf der literarischen Ebene widerspiegelt. Prophetische Berufungsgeschichten folgen nämlich erkennbar einem literarischen Schema, zu dem in der Regel eine göttliche Beistandszusage gehört: „Fürchte dich nicht vor ihnen, denn ich bin mit dir, um dich zu retten“, heißt es beispielsweise in Jer 1,8. Genau dieses „Fürchte dich nicht!“ ruft der Engel Maria in der Verkündigungsszene zu. „Fürchtet euch nicht!“ erklingt ebenso in der Weihnachtsgeschichte (Lk 2,10) als Zuruf an die Hirten als erste Zeugen der Geburt und am Ostermorgen an die Frauen als erste Zeuginnen der Auferstehung (Mt 28,5).

Zwei Impulse für unser Leben

Die biblischen Berufungsgeschichten – so glaube ich – können uns auf diese Weise zwei wichtige Impulse für unser Leben mitgeben. Zunächst ist es eine Erkenntnis: Es gibt kein risikofreies Leben. Ein solches Leben wäre auch erstarrt, blutleer und letztlich tot. Zum Leben gehört es eben dazu, dass es Risiken birgt und dass gerade Veränderungen und Neuorientierungen die Bereitschaft voraussetzen, Risiken einzugehen. In diesem Sinne stimmt auch aus biblischer Perspektive das deutsche Sprichwort: „Wer nicht wagt, der nicht gewinnt!“ Im Buch Kohelet übrigens klingt genau dieser Gedanke an, wenn der Weisheitslehrer den Rat gibt: „Wer ständig nach dem Wind schaut, kommt nicht zum Säen, wer ständig die Wolken beobachtet, kommt nicht zum Ernten!“ (Koh 11,4) 

Zugleich spielt die Bibel einen zweiten Lebensimpuls ein und verknüpft ihn mit einer großen Hoffnung: Es ist Gott selber, der uns anstiftet, Neues zu wagen und der uns ermutigt, die vertrauten Pfade zu verlassen, etwas auszuprobieren und dabei auch Risiken einzugehen. Auf diesen neuen, unbekannten und nicht selten gefährlichen, ja manchmal auch lebensbedrohenden Wegen lässt Gott uns nicht allein, sondern ist mit uns unterwegs. 

Das Leben wagen und Vertrauen haben

In diesem Vertrauen – so erzählt es die Bibel – ist Abraham aus seiner bisherigen Heimat aufgebrochen und hat eine neue Heimat gesucht. In diesem Vertrauen hat Mose das Volk Israel 40 Jahre durch die Wüste bis an die Grenze des verheißenen Landes geführt, das er dann selber nicht mehr betreten wird. In diesem Vertrauen sind die Propheten aufgetreten, um ihre Botschaft gegen oft heftigen Widerstand zu verkünden. In diesem Vertrauen hat Maria die Botschaft des Engels aufgenommen und Josef die kleine Familie nach Ägypten gebracht, um das Kind vor Herodes in Sicherheit zu bringen. In diesem Vertrauen ist Paulus auf seine Missionsreisen gegangen und hat das Evangelium von Kleinasien aus zu uns nach Europa gebracht. In diesem Vertrauen haben unzählige Frauen und Männer seit biblischen Zeiten für ihren Glauben gelebt, gelitten und sind auch dafür gestorben. 

Zu diesem Vertrauen, dass Gott mit uns auf unseren Lebenswegen ist, laden uns die biblischen Texte ein: Wage das Leben mit all seinen Chancen und Risiken und fürchte dich nicht!

 

Andreas Ruffing

Dr. theol., leitet das Referat Diakonische Pastoral im Bischöflichen Generalvikariat Fulda, als Alttestamentler ist in der bibelpastoralen Arbeit als Referent und Autor tätig.

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Foto: © Biletskiy Evgeniy – stock.adobe.com

 

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