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So ändern sich die Zeiten

So ändern sich die Zeiten

Familienbilder im Wandel

von Hubertus Brantzen

Historische Romane stehen sehr weit oben auf den Bestsellerlisten. Und sofern die Bücher eine gute Karriere hinter sich gebracht haben, sind ihre Verfilmungen äußerst beliebt. Da ist zum Beispiel die Geschichte des Jungen, aus dem einmal der große und berühmte „Medicus“ werden soll. Der Bestseller von Noah Gordon erzählt in aller Härte, wie dieser Junge und seine Geschwister nach dem Tod ihrer Eltern gewaltsam getrennt werden. Der junge Rob Jeremy Cole schließt sich hartnäckig einem zwielichtigen Barbier an, wird dessen Laufbursche, aber auch sein Lehrling … und das Schicksal nimmt seinen Lauf.
Was berührt an solchen Lebensgeschichten? Sicher ist es hochinteressant, sich in die Mentalität der Menschen, die vor langer Zeit lebten, hineinzudenken. Doch mehr noch fasziniert wohl das Eintauchen in eine andere, meist geschlossene Welt und deren Kontrast zu den Erfahrungen des eigenen Lebens. Wie aber sieht diese heutige Realität des Lebens, besonders der Familie, aus, die diesen Kontrast ausmacht?
Wir brauchen nicht den weiten Weg ins Mittelalter zurückgehen, um diesen Kontrast festzumachen. Im Folgenden seien einige Hinweise gegeben, wie sich die Familie und mit ihr ein wesentlicher Teil des Lebens in den letzten Jahrzehnten rasant entwickelten. Dabei wird schnell deutlich, dass die heutigen Jungen in vielerlei Hinsicht das Leben ihrer Eltern und erst recht ihrer Großeltern als abenteuerlich weit weg von ihrer Lebenswelt empfinden.

Zuerst eine gute Nachricht

Nachdem in den 1960er Jahren die Eheschließungen stark zurückgingen, steigen sie seit 2006 kontinuierlich wieder an. Die Shell-Studien zur Situation der Jugendlichen in unserem Land zeigten immer wieder auf, wie groß deren Sehnsucht nach einem gelingenden Familienleben ist. Nun schlägt sich dieses Ergebnis auch in Trauungszahlen nieder. 410.000 waren es im Jahr 2016. Eine Partnerschaft, auf die sie fest bauen können, und ein glückliches Familienleben steigen weiter im Kurs.
Der Wermutstropfen für die Kirchen: Während die standesamtlichen Trauungen ständig steigen, bleiben die kirchlichen Trauungen weiter im Abwärtstrend. Seit den 1990er Jahren hat sich die Zahl der kirchlichen Trauungen halbiert. 2016 ließen sich gerade noch 20 Prozent derer kirchlich trauen, die zuvor auf dem Standesamt waren.

Individuelle Gestaltung der Beziehung

Das Ansteigen der Trauungszahlen bedeutet aber nicht, dass es eine Rückkehr zu den guten alten Vorstellungen gäbe, wie das Zusammenleben von Frau und Mann auszusehen habe. Die Institutionskritik der 1960er Jahre ist so weit in das Lebensgefühl der Menschen, auch der jüngeren Generation, eingegangen, dass sie zwar heiraten, aber nicht, damit alles institutionell seine Ordnung hat, sondern um ein jeweils eigengeprägtes Lebensprojekt zu starten.
Das zeigt sich schon daran, dass kaum mehr ein Paar zum Standesamt geht, auch nicht vor den Traualtar tritt, ohne vorher zum Teil jahrelang zusammengelebt zu haben. Zuerst wird getestet, „ob wir zusammenpassen“. Das ist durchaus keine Flatterhaftigkeit, sondern der Wille, es besser zu machen als Paare, die sich doch bald wieder trennen.

Ehe als Option neben anderen

Damit ist die Vorstellung verbunden, dass eine Beziehung durchaus nicht zwangsläufig in der Ehe enden muss. Ehe ist zu einer Option neben anderen geworden, wenngleich schließlich sehr viele doch diese Option wählen.
Die Kernfamilie, die aus Frau und Mann als Ehepaar und aus mit ihnen zusammenlebenden eigenen Kindern besteht, wählen nur noch 44 Prozent. Viele andere Variationen, die hinlänglich bekannt sind und darum nicht alle aufgezählt werden müssen, stehen neben diesem Lebensmodell. Während bis in die Mitte der 70 Jahre die Kleinfamilie, die auf einer Ehe aufbaute, das vorherrschende Modell war, wird heute von einer Vielfalt der Lebensentwürfe gesprochen.
Doch die Meinung, dass diese Vielfalt etwas Neues sei, ist schlicht und einfach falsch. Ein Blick ins 19. Jahrhundert zeigt, dass wir nur von einer Wiederkehr von Vielfalt sprechen können. Allerdings war es vor 150 Jahren im Gegensatz zu heute eine erzwungene Vielfalt. Um eine Traulizenz zu erhalten, musste man den Nachweis erbringen, eine Familie ernähren zu können. Viele konnten das nicht. So gab es viele nichtverheiratete Paare, ledige Mütter und nicht selten damit verbundene menschliche Tragödien.

Der neue Umgang auf Augenhöhe

Ein eigenes Kapitel ist die Art und Weise, wie Frau und Mann in der Ehe einander zugeordnet werden. Hier gab es nach dem zweiten Weltkrieg einen Entwicklungssprung. Während des Krieges mussten die Frauen zu Hause, während ihre Männer im Krieg waren, ihren „Mann stehen“. Das konnte nicht ohne Folgen für das Bewusstsein und Selbstbewusstsein aller bleiben. Galt nach dem Krieg zunächst noch die Vorstellung, der Mann sei das Familienoberhaupt und wickele letztverantwortlich alle Geschäfte ab, kam es 1953 zur Gleichstellung von Frau und Mann, erzwungen durch das Bundesverfassungsgericht. Der Mann konnte nicht mehr einfach bestimmen, was seine Frau zu tun und zu lassen hatte, ob sie arbeiten gehen durfte oder nicht. Das patriarchalische Ehemodell wurde von einem partnerschaftlichen abgelöst.
Aber auch nach 65 Jahren ist diese Gleichstellung durchaus noch nicht im Bewusstsein aller. Dabei meint diese Gleichstellung nicht Gleichmacherei zwischen den Geschlechtern, sondern vor allem Geschlechtergerechtigkeit. Aus der ergeben sich in der Familie konkret die Fragen nach den Anteilen von Mann und Frau in der Erziehung, im Haushalt und bei der Erwerbsarbeit.
Partnerschaftlicher Umgang blieb dann aber nicht nur Thema zwischen den Eheleuten, sondern auch zwischen Eltern und Kindern. Es erfolgte mehr und mehr die Ächtung eines autoritären Erziehungsstils, zumindest in der gesellschaftlichen Öffentlichkeit, und die Hinwendung zu einem partnerschaftlichen Erziehungsstil. Hier werden die Kinder in einem guten Fall in Entscheidungsprozesse der Familie eingebunden, werden in ihrer Meinung geschätzt und lernen, Verantwortung zu übernehmen.

Wandel in der Beurteilung von Scheidungen

Regelmäßig kursieren die neusten Scheidungsstatistiken. Aussagekräftiger als diese allgemeinen Statistiken ist die Analyse, wie viele Ehen nach einem bestimmten Zeitraum geschieden sind. Laut Norbert F. Schneider, Direktor des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung (Wiesbaden), waren von den 1965 geschlossenen Ehen nach 25 Jahren 22 Prozent geschieden, von den 1985 geschlossenen Ehen 35 Prozent. Bei den 2005 geschlossenen Ehen wird eine Scheidungsrate von 38 Prozent erwartet. Allerdings steigt seit Jahren die Zahl der Wiederverheiratungen.
Schneider geht davon aus, dass Scheidungen in den vergangenen Jahrzehnten zunehmend entdiskriminiert wurden. Geschiedene werden in der Öffentlichkeit weniger als Gescheiterte wahrgenommen, wenngleich das mit der Scheidung verbundene Leid, besonders das der Kinder, nicht heruntergespielt werden darf.

Es geht an die Wurzeln

Von neuer Qualität sind neuere Entwicklungen, die die Vorrangstellung und den besondere Schutz der Ehe mehr oder weniger außer Kraft setzen. Durch die deutsche Gesetzgebung 2001 zu den „eingetragenen Lebenspartnerschaften“ und 2017 zur „Ehe für alle“ wird das Alleinstellungsmerkmal der Ehe von Mann und Frau aufgehoben. Damit ist eine Entwicklung eingeläutet, die sicher noch nicht an ihrem Ende angekommen ist.
Diese Entwicklung geht an die Wurzeln des Eheverständnisses. Was am Ende eines solchen Prozesses herauskommt, bleibt abzuwarten. Denn nach allen möglichen Pendelschlägen der gesellschaftlichen Entwicklungen wird sich immer wieder das in der überwältigenden Mehrheit der Menschen durchsetzen und durchhalten, was den Menschen wirklich das so ersehnte Lebensglück beschert. 

Die Entwicklung als Zeichen der Zeit

Wie kann der skizzierte Wandel bewertet werden? Wie kann dieses so deutliche „Zeichen der Zeit“ gedeutet werden, wie es der Untertitel der basis herausfordert?
Es wird nicht ausreichen, sich aus der Perspektive kirchlicher Vorstellungen von diesen Entwicklungen abzugrenzen, sie gar zu dramatisieren oder zu verteufeln. Es gilt vielmehr, in unaufgeregter Weise die eigenen Vorstellungen in den gesellschaftlichen Diskurs einzubringen, am besten demonstriert an gelungenen Lebensbeispielen, von denen es viele gibt. Das überzeugendere Leben wird sich durchsetzen.
In einer geschichtsoptimistischen und zugleich gläubigen Einstellung kann man formulieren: Wir erleben einen spannenden Prozess. Wenn sich so vieles verändert oder sogar abstirbt, dann scheint Gott eine wunderbare neue Ordnung im Blick zu haben, die sich uns nach und nach zeigen wird
(frei nach Joseph Kentenich). 

 

Hubertus Brantzen

Hubertus Brantzen Prof. Dr. theol., Mitglied der basis-Redaktion.

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Foto: © afitz – stock.adobe.com

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