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Staunen lernen und die Welt neu entdecken 

Raupe, die sich verpuppt und zum Schmetterling wird,

Staunen lernen und die Welt neu entdecken

von Hannelore Bares

Ungläubiges Staunen macht sich breit in mir, als ich die Mail lese, die gerade angekommen ist. Ob ich mir vorstellen kann, einen Beitrag zum Thema „Staunen“ zu schreiben? Da muss ich einfach zusagen. Dass mir ausgerechnet jetzt dieses Thema zufällt! Nach all dem, was ich in den vergangenen Tagen und Wochen an – im wahrsten Sinn des Wortes – Wunder-Vollem und Staunens-Wertem erlebt habe, ist diese Anfrage für mich wie eine Einladung innezuhalten, dem Thema „Staunen“ noch einmal nachzuspüren und ihm tiefer auf den Grund zu gehen. 

Staunen – was verbinden Sie damit? Ich persönlich buchstabiere es mir so in mein Leben: 

S  ich dem Selbstverständlichen widersetzen

T iefer schauen

A chtsam sein 

U nzählige Wunder im Alltäglichen entdecken

N ur wahrnehmen, nicht bewerten

E rgriffen sein

N eue Perspektiven gewinnen 

Staunen kann allerdings in ganz unterschiedlichen Ausprägungen erfahren werden. Oft ist es ein ganz  kleines Staunen  – über eine schöne Blüte, ein buntes Herbstblatt, das schön gestaltete Layout eines Flyers, den leckeren Nachtisch, den Hefeteig, der diesmal richtig gut aufgeht, über eine nette Begegnung oder auch über das unerwartet zügige Durchkommen auf der Strecke, auf der ich sonst meist im Stau stehe.

Freudiges Staunen macht sich breit, wenn mir etwas besonders gut gelungen ist, ich überraschend nette Post bekomme, völlig unerwartet lieber Besuch vor der Tür steht oder ich dort, wo ich es am wenigsten erwartet hätte, plötzlich jemanden wieder treffe, den ich lange nicht gesehen habe.

Andächtiges Staunen kann ich erleben, wenn ich ein Kind dabei beobachte, wie es ganz im Spiel versunken ist, ein Baby oder ein Kleinkind in den Schlaf wiege und dabei sein Gesicht betrachte, aber auch beim Betrachten eines Naturphänomens oder eines Kunstwerks, beim Besuch eines Konzerts oder eines Lichterfests…

Verwundert staune ich manchmal darüber, wie ganz unterschiedlich man an eine Sache herangehen oder sie deuten kann, wie großzügig oder auch wie eng Menschen denken können. Wenn es dabei gelingt, nicht zu werten, sondern nur die Unterschiedlichkeit wahrzunehmen, ist das eine wunderbare und für alle Beteiligten sehr heilsame Übung.

Bewundernd oder auch respektvoll staune ich, wenn ich Menschen erlebe, die innere Stärke beweisen, mutig eintreten für ihre Überzeugungen, sich nicht unterkriegen lassen und auch solchen, die sich ihrer Stärken bewusst sind und sie zum Wohl oder zur Freude anderer einsetzen. 

Mitunter ist auch irritiertes Staunen angesagt – im Fall einer völlig unbegreiflichen Reaktion auf einen Gesprächsbeitrag oder wenn in einer bis dahin vollkommen klaren Angelegenheit plötzlich alle bisherigen Vereinbarungen nicht mehr gelten.

Schließlich gibt es aber auch ein ganz großes Staunen, das Erfahren eines tiefen Berührt- und Ergriffenseins, das uns regelrecht überwältigen kann, uns zu Tränen rührt und sprachlos macht. Heilige Momente sind das, Momente, in denen Raum und Zeit aufgehoben scheinen. Sie prägen sich tief ein und sind unvergesslich. Es sind Momente, die über uns hinausweisen und uns mit dem Grund allen Seins in Berührung bringen. 

Vielleicht haben Sie ja auch schon solche Momente erlebt und kennen das Gefühl, zutiefst berührt oder gar überwältigt zu sein von etwas Wunderbarem? Oder das einfach nur staunend still Dastehen-Können beim Erleben eines traumhaft schönen Sonnenuntergangs, beim überwältigenden Ausblick ins Tal oder auch beim Blick in den nächtlichen Sternenhimmel? Oder die Erfahrung, einfach nur ungläubig staunend den Kopf schütteln zu können, weil völlig unerwartet etwas Wunderbares geschehen ist, das Sie niemals für möglich gehalten hätten? 

Ein staunendes Herz

Ob es Ihnen beim Lesen dieser Fragen vielleicht ähnlich ergeht wie mir gerade beim Schreiben? Da werden Erinnerungen wach an einige ganz besondere Momente des Staunens. Innere Bilder steigen auf; und sogar die Emotionen, die mit diesen kostbaren Erfahrungen verbunden waren, kann ich wieder deutlich spüren. Ich genieße und staune, nehme wahr, wie mein Herz sich weitet, bin von tiefer Dankbarkeit und Freude erfüllt. 

Ein staunendes Herz lässt uns nicht nur die Welt neu entdecken, es ist auch Quelle der Lebensfreude. Wir selbst haben es in der Hand, ob wir uns von dieser Quelle abschneiden oder mit ihr in Verbindung bleiben. Albert Einstein hat es klar und deutlich ins Wort gebracht:

Es gibt nur zwei Arten zu leben.
Entweder so, als wäre nichts ein Wunder
oder so, als wäre alles ein Wunder.

Die Wunder im Alltäglichen entdecken zu können, ist ein Geschenk und nicht machbar. Aber indem wir uns einüben in eine Haltung der Achtsamkeit, können wir dem Staunen den Boden bereiten. Kinder können uns da große Lehrmeister sein. Sie haben den natürlichen Impuls zum Staunen in sich. Mit wachem, offenem Blick und voller Neugier betrachten sie die Welt und entdecken jeden Augenblick neue Wunder. Auf dem Weg zum Erwachsensein geht dieser Anfängergeist, geht diese Haltung staunenden Wahrnehmens oft verloren. Immer öfter liest und hört man: Wir haben das Staunen verlernt.

Das Staunen verlernt?

Ist das tatsächlich so? Oder gibt es sie doch noch in unserem Leben, diese Augenblicke, in denen wir innehalten und staunen; Augenblicke, in denen wir Gottes Spuren entdecken in den kleinen und großen Dingen dieser Welt? Wie dem auch sei, es lohnt sich auf jeden Fall, die Haltung des Staunens wieder zu kultivieren, in der wir als Kinder gelebt haben. Denn wer staunt, dem ist bewusst, dass absolut gar nichts selbstverständlich ist und wir uns ganz Gott verdanken. So entwickelt sich eine Haltung der Dankbarkeit, Achtsamkeit und Gelassenheit. Wir werden offen für Neues und finden mehr und mehr zu uns selbst.

Hier nur ein paar Anregungen, wie es gelingen kann, uns selbst zu mehr Achtsamkeit zu erziehen, unseren Blick zu schärfen für die vielen Wunder, die uns Tag für Tag geschenkt sind und so dem Staunen den Boden zu bereiten: 

  • Am Morgen bewusst kurz innehalten und danken für den neuen Tag.
  • Den Psalm 139 lesen und den Vers, der mich hier und heute besonders anspricht, mitnehmen in den Tag (Siehe auch die „Bibel-basis“ in diesem Heft). Ich kann ihn dann bei allen möglichen Gelegenheiten innerlich beten – beim Warten an der Supermarktkasse, an der Ampel, im Rhythmus des Gehens und bei vielen anderen Gelegenheiten – immer dann, wenn er mir in den Sinn kommt.
  • Bevor ich eine Mahlzeit zu mir nehme kurz innehalten, mit allen Sinnen wahrnehmen, was auf meinem Teller liegt. Danken für die Speisen und auch für die Menschen, die gearbeitet haben, damit ich mich heute mit diesen Lebensmitteln stärken kann. 
  • Das Essen bewusst mit allen Sinnen wahrnehmen und genießen. 
  • Mich immer wieder einüben wahrzunehmen was ist, ohne zu werten. 
  • Mir Zeiten des Rückblicks gönnen – auf den Tag und seine Geschenke, Zeiten des Rückblicks auch auf die vergangene Woche, den vergangenen Monat, das zurückliegende Jahr.
  • Eine Schatzkiste oder ein Schatzbuch führen und darin jeden Abend drei Erfahrungen festhalten, für die ich heute besonders danken möchte. 

Wetten, dass Sie im Lauf der Zeit ins Staunen kommen werden über die Fülle der kleinen und großen Wunder-vollen Erfahrungen, die Sie machen dürfen?

Hannelore Bares

Autorin lyrischer Texte, Schriftmeditationen und Gebete, hält geistliche Lesungen mit Musik und Ausdruckstanz. Ihr Anliegen: zeitgemäße Verkündigung.
www.aufbrechen-ins-leben.de Mutter zweier Töchter, drei Enkel.

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Foto: © Chepko Danil – stock.adobe.com

 

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