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Volk Gottes, das unbekannte Wesen?

Volk Gottes, das unbekannte Wesen?

Chancen und Risiken eines zentralen Begriffs des Zweiten Vatikanischen Konzils

von Markus Hauck

Wenn es um das Thema Demokratie geht, muss in diesem Heft auch die Sprache auf den Begriff vom Volk Gottes kommen. Das Zweite Vatikanische Konzil hat dieses Bild genutzt, um das Selbstverständnis und Wesen der katholischen Kirche zu bestimmen. Bevor Unterscheidungen kommen, wird damit die gleiche Würde und Berufung aller Glieder des Gottesvolkes betont. Deutlich wird das auch in der Kirchenkonstitution „Lumen Gentium“: Dort ist das Kapitel, das sich mit dem „Volk Gottes“ beschäftigt, dem von der „Hierarchischen Verfassung der Kirche“ vorangestellt. 

„Volk Gottes ist die Kirche insofern, als sie die Versammlung derer ist, die an Christus glauben, Volk Gottes insofern, als diese Versammlung sich nicht einer menschlichen Initiative verdankt, sondern Gott. Denn weil Gott die Menschen nicht vereinzelt zum Heil führt, ruft er sie als Gemeinschaft zusammen und sendet sie als Zeichen und Werkzeug der Liebe Gottes in die Welt. Als pilgerndes Volk Gottes ist die Kirche dazu aufgerufen, allen Menschen die frohe Botschaft zu verkünden und erfahrbar zu machen“, heißt es in der Broschüre „Erinnerungen an das Zweite Vatikanische Konzil“, die der Diözesanrat der Katholiken im Erzbistum München und Freising 2012 herausgegeben hat.

Wie glaubt, lebt und denkt das Volk Gottes?

Die Frage, die dabei aber jenseits der hinlänglich bekannten biblischen Grundlagen für den Begriff „Volk Gottes“ einer näheren Betrachtung wert ist: Wer genau verbirgt sich denn hinter dem Volk Gottes? Wie glauben, leben und denken die Menschen, die unter diesem Begriff zusammengefasst werden? Dr. Birgit Huber, promovierte Ethnologin und Mitarbeiterin der österreichischen Diözese Feldkirch, plädiert für eine entdeckungsfähige und zugleich befremdungsfähige Ethnologie, also kulturwissenschaftliche Untersuchung,  des Volkes Gottes. „So experimentell wie Menschen heute ihre Glaubensformen leben, so experimentell müssen auch Pastoraltheologie und pastorale Praxis werden“, lautet ihre These. Auf diese Weise gelinge es, sich dem einst, zumindest dem Anschein nach, so vertrauten, jetzt jedoch fremden „Volk Gottes“ anzunähern.

Michael Krüggeler und Rolf Weibel haben das mit einer Studie zu repräsentativen Befragungen in der Schweiz aus den Jahren 1989 und 1999 gemacht. Demnach neigten Katholiken mehr als durchschnittlich dazu, religiöse Inhalte unterschiedlicher Herkunft miteinander zu kombinieren. Demnach gehörten 30,2 Prozent der Befragten zum Typ der „synkretistischen Christen“. Für diese sei es zum Beispiel kein Problem, an die Wiedergeburt der Seele zu glauben, während sie zugleich an die Auferstehung Jesu Christi glaubten. Auch für die religiöse Praxis zeigt sich in der Studie ein Miteinander scheinbar gegensätzlicher Welten: Demnach verquicken junge katholische Erwachsene Aktivitäten wie das Engagement in der eucharistisch-marianisch geprägten Lorettobewegung mit dem Besuch von freikirchlichen Lobpreisabenden oder Anbetungsmarathons. Ethnologin Huber spricht in diesem Zusammenhang von einer „reflexiven hybriden Katholizität“, also einem katholischen Glauben, der bewusst eine Vermengung vornimmt.

Andocken „nur“ zu Zeiten der Lebenswende

In der Seelsorge hat sich einiges gewandelt. In deutschen Bistümern werden ehrenamtlich in katholischen Pfarreien tätige Frauen zu religiösen Spezialistinnen ausgebildet. Sie sind dann Teil eines „Seelsorgeteams“ und werden für die Leitung unter Beteiligung der Betroffenen in den kirchlichen Grundvollzügen Pastoral, Liturgie und Diakonie eingesetzt. Man könnte hier von einer gewissen „Dehierarchisierung“ sprechen. Ohnehin sind, wie die französische Religionssoziologin Danièle Hervieu-Leger es bezeichnet, die meisten Katholiken als „Pilger“ in ihren Pfarreien unterwegs: Sie docken dort zu Zeiten der Lebenswende an, also für Taufe, Kommunion, Trauung oder Beisetzung. Auch wenn diese Menschen also selten am Gemeindeleben teilnehmen:  Wenn sie es tun, dann machen sie das in diesem Augenblick in einer starken Hoffnung auf Segen. Laut Huber wünschen sich „Eltern meist eine klassische Taufe und keine ‚Notlösung Segensfeier‘, obwohl sie bereits in der zweiten Generation entkirchlicht sind“. …

 

Markus Hauck

Leiter der Pressestelle im Bistum Würzburg, Mitglied der basis-Redaktion.

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