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Vom Sinn der Normen

Vom Sinn der Normen

Anspruch und Wirklichkeit katholischer Sexualmoral

von Sebastian Schoknecht

Die Sexualmoral bzw. Sexualethik der katholischen Kirche gehört nach wie vor zu den „heißen Eisen“. Wo es um vor- oder außerehelichen Geschlechtsverkehr, Methoden künstlicher Empfängnisverhütung, Selbstbefriedigung, Homosexualität und ähnliches geht, waren und sind kontroverse Diskussionen programmiert. Wenn in diesem Themenheft Sexualethik und -moral aufgegriffen werden, darf der Hinweis nicht fehlen, dass es bei dieser Betrachtung lediglich um einige Aspekte und Denkanstöße geht. Das Thema im Allgemeinen und die Fülle der Details ergeben inzwischen ganze Bibliotheken durchaus lesenswerter (Fach-)Literatur.

Festzuhalten bleibt: Nirgendwo sonst liegen theoretischer Anspruch und gelebte Praxis so weit auseinander wie auf dem Feld der Sexualmoral unter katholischem Vorzeichen. Und was schon für den binnenkirchlichen Diskurs zutrifft, das verschärft sich nochmals mit Blick auf die kritischen Anfragen und das verächtliche Kopfschütteln aus der sogenannten säkularen Welt. Zu weit weg scheinen die tradierten Denk- und Argumentationsmuster des Lehramtes der Kirche zu sein. Zu weltfremd ist, insbesondere für junge Menschen, die Sprache der offiziellen Verlautbarungen zur Sexualmoral. Und gerade bei älteren Menschen ist die Thematik oftmals nicht nur schambehaftet, sondern verknüpft mit einem leib- und lustfeindlichen Rigorismus, der die eheliche Gemeinschaft verkürzte auf den Fortpflanzungsaspekt. Neu ist die wachsende Zahl derer, denen die Positionen der katholischen Kirche gleichgültig geworden sind. Diese Menschen haben sich aus dem Diskurs längst verabschiedet.

Kommunikations- oder Normenproblem?

Doch womit hat es die Kirche hier zu tun? Mit einem Kommunikations- oder einem Normenproblem? Reicht ein „Aggiornamento“, ein „Update“ der Sprache und Kanäle aus? Oder bedarf es einer „Verheutigung“ der Normen? Sind Normen überhaupt wandelbar oder doch, um es provokant zu sagen, sakrosankt? 

Ein Weiteres kommt erschwerend hinzu. Die katholische Kirche hat in den zurückliegenden Jahren seit 2010 ein hohes Maß an Vertrauen und Glaubwürdigkeit verspielt. Mit dem weltweiten und über Jahrzehnte andauernden sexuellen Missbrauch an Tausenden von Kindern und Jugendlichen, aber auch an Ordensfrauen und mehr noch in der Art und Weise des Umgangs mit diesen Verfehlungen, die zurecht als Verbrechen bezeichnet werden (Papst Franziskus im Februar 2019), hat die katholische Kirche ihren eigenen hohen ethischen Anspruch im Bereich der Sexualmoral ad absurdum geführt. Jahre, wenn nicht Jahrzehnte dürfte es dauern, bis hier Boden wiedergutgemacht werden kann. Die Lebensweise einer nicht geringen Zahl von Priestern, die trotz des Versprechens der Ehelosigkeit mit Frauen oder Männern in einer quasi partnerschaftlichen Beziehung verkehren, lässt in breiten Teilen der Öffentlichkeit ebenfalls Zweifel daran aufkommen, ob die Institution Kirche gegenwärtig überhaupt noch adäquate Gesprächspartnerin, geschweige denn Wegweiserin in Sachen Sexualmoral sein kann. …

 

Sebastian Schoknecht

Dr. theol., Moraltheologe mit den Schwerpunkten Bio- und Medizin- sowie Fundamentalethik. Fachbereichsleiter für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit im Caritasverband für die Diözese Würzburg.

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Foto: © sam richter · stock.adobe.com

 

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