Was Menschen für ihr Leben ersehnen
Zur Psychologie der Sehnsucht
von Klaus Glas
Kurz nach Mitternacht sandte mir mein Bruder per Smartphone ein Bildmakro. Vor dem Hintergrund einer Friedenstaube, die über der Erdkugel schwebt, stand der Satz zu lesen: „Eines Tages würde ich gerne die Nachrichten einschalten und hören: Es ist Frieden auf Erden!“ Eigentlich wollte ich lediglich mit einem Like (Daumen nach oben) antworten, aber etwas ließ mich zögern. Am anderen Morgen antwortete ich mit einem Love (Herz); der Sinnspruch hatte mein Innerstes berührt.
In meinem Freundeskreis gibt es Menschen, die sich freuen, dass (endlich!) zu Friedens-Demos aufgerufen wird. Am
3. Oktober 2025 standen meine Frau und ich mit 15.000 Menschen auf dem Schlossplatz in Stuttgart. Ein breites Bündnis aus 300 Initiativen hatte zu der Veranstaltung aufgerufen, die unter dem Motto stand „Nie wieder kriegstüchtig. Stehen wir auf für Frieden!“ Die Sehnsucht danach, den Frieden zu gewinnen, scheint in manchen Herzen wieder zu erwachen.
Was ist Sehnsucht?
„Ich rege mich. Von früh auf sucht man. Ist ganz und gar begehrlich, schreit. Hat nicht, was man will.“ Mit wenigen Worten skizziert Ernst Bloch die negative Seite der Sehnsucht. Der Philosoph interessiert sich aber mehr für die positive Seite, für das „Noch-nicht“. Der Titel seines Hauptwerkes lautet folgerichtig „Das Prinzip Hoffnung“.
Sehnsucht besteht aus einer emotionalen und einer kognitiven Komponente. Es ist für uns unmittelbar erlebbar, wenn das Bedürfnis nach Zugehörigkeit durch angenehme Begegnungen mit lieben Menschen gestillt wird. Man schwebt auf Wolke sieben oder fühlt sich „wie im Paradies“. Mit etwas Verzögerung meldet sich die Vernunft. Sie bringt einem zu Bewusstsein, dass ein schönes Erlebnis schnell verblasst und nur dauerhaftes Engagement dazu führt, dass das Gute auch gedeiht. Wer ein gutes Leben ersehnt, muss etwas dafür tun: Von nichts kommt nichts.
Die Ambivalenz ist für Alexandra Freund offensichtlich. Die Psychologin beschreibt Sehnsucht als „dieses bittersüße Gefühl, der drängende Wunsch, ein anderes und vollkommeneres Leben zu haben.“ (Interview mit Domradio, 22.03.2017). Sehnsucht stehe für etwas Größeres. Vordergründig mag etwa das Schwärmen eines Mannes für einen Sportwagen banal erscheinen. Im Hintergrund gehe es um Männlichkeit, Sportlichkeit und Freiheit.
Studien zeigen: Die meisten Sehnsüchte beziehen sich auf die eigene „kleine Welt“: Die Leute wünschen sich Dinge, welche die Partnerschaft und die Familie betreffen. Im jungen Erwachsenenalter ist die Sehnsucht nach Kindern weit verbreitet. Für 10 bis 15 Prozent der jungen Menschen geht die Hoffnung auf Nachkommen aus unterschiedlichen Gründen nicht in Erfüllung. Wichtig ist hierbei der Unterschied zwischen Wunsch und Sehnsucht. Einen Wunsch kann man sich erfüllen. Ich kann mir, wenn ich das will, beispielsweise eine Bauhaus-Armbanduhr kaufen. Damit die Sehnsucht nach einem Kind in Erfüllung geht, brauche ich erstens eine Partnerin, zweitens deren Ja für ein Kind, und wir beide benötigen drittens eine gute seelische und körperliche Konstitution. …
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Beitragsfoto: © Katja Xenikis · stock.adobe.com

