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Was sind denn nun die Unterschiede?

Die Macht der starken Persönlichkeit

Wie Einzelne die Gesellschaft verändern können

von Klaus Glas

Im Reformationsjahr 2017 kann man sich die Fragen stellen: Was hatte Luther an sich, dass er zum religiösen Führer werden konnte? Und: welche sozialen und kulturellen Faktoren erleichterten die schnelle und nachhaltige Verbreitung der Ideen des Reformators?

Die Menschen sind verschieden. Die Persönlichkeitspsychologie unterscheidet  fünf facettenreiche Merkmale: Extraversion, Emotionale Instabilität, Verträglichkeit, Gewissenhaftigkeit und Offenheit für neue Erfahrungen. Diese „Big Five“ der Persönlichkeit legen fest, wie jemand denkt, fühlt und handelt. Ein Charakterkopf entfaltet sich nicht im luftleeren Raum. Stets ist zu beobachten eine Wechselwirkung von Situation und Person, Kultur und Individuum, Freunden und Gegnern und – für Gläubige – Gott und Mensch.

Persönlichkeitsprofil eines Protagonisten   

Wer die Welt verändern will, muss ein gehöriges Maß an Ex-traversion mitbringen. Zwei Personen, welche die Musik und die Technik nachhaltig beeinflussten, John Lennon (The Beatles) und Steve Jobs (Apple), waren selbstbewusst-eigensinnig, gesellig und voller Energie. Luther war fest davon überzeugt, „dass ihn Gott selbst zu seinem Propheten berufen“ habe, betont der Historiker Heinz Schilling.

Wer Menschen beeinflussen will, muss psychisch stabil sein. Der junge Jurastudent Martin Luther erlebte ein Trauma. Während der Wanderschaft vom elterlichen Zuhause an die Uni Erfurt geriet er in ein Unwetter, das ihn in Todesangst versetzte. Er legte das Gelübde ab, fortan als Mönch zu leben. Als Novize zeigte er zunächst neurotisches Verhalten; um die Sorgen um sein Seelenheil in den Griff zu bekommen, vollzog er zwanghaft anmutende religiöse Rituale, die ihn an den Rand der Selbstzerstörung brachten. Durch die geistliche Begleitung des Abtes Johann von Staupitz, der ihm ein positives Gottesbild vermitteln konnte, bekam Luther seinen Seelenfrieden zurück.

Hinter dem Horizont geht es weiter

Wer neue Ufer erreichen will, muss daran glauben, dass es hinterm Horizont weitergeht. Offenheit für das Neue und den Mut, trotz Misserfolgen weiterzumachen, zeichnet Erfinder und Gründer aus. Thomas Alva Edison etwa erfand nicht nur die Glühbirne; er meldete für über tausend (!) Erfindungen Patente an. Angeblich verbrauchte er fast 10.000 kleine Kohlefäden, bis er denjenigen fand, der die Birne zum Leuchten brachte. Von Luther ist bekannt, dass er die Liebe zur Bibel von seinem Mentor Staupitz übernahm. Damals war es überraschenderweise selbst unter Priestern und Mönchen nicht üblich, sich in der Heiligen Schrift auszukennen.

Wer eine neue Idee durchsetzen will, darf Konflikten nicht aus dem Weg gehen. Einflussreiche Menschen haben das Konkurrenz-Motiv auf ihr Schild gehoben. Martin Luther sei ein „geborener Raufbold“ gewesen, von dem „Gewalt atmosphärisch“ auf seine Gefolgschaft übergegangen sei, kritisierte der Schriftsteller Stefan Zweig. Nach der psychischen Krise im jungen Erwachsenalter zeigte Luther eine starke Resilienz und eine radikale Selbstsicherheit. Weltberühmt wurde sein Wort, angeblich gesprochen auf dem Reichstag zu Worms: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders, Gott helfe mir, Amen.“

Wer andere überzeugen will, muss selber viel tun. Als Junker Jörg auf der Wartburg arbeitete Luther an mehreren Schriften gleichzeitig. In kurzer Zeit gingen u.a. die theologische Kontroverse zur heiligen Messe und seine Interpretation des Magnifikat in Druck. Das protestantische Ideal pflichtbewusster Lebensführung kommt dem Persönlichkeitsmerkmal Gewissenhaftigkeit ziemlich nahe. Der Reformator rühmte das tätige Wirken: „Von Arbeit stirbt kein Mensch, aber von Ledig- und Müßiggehen kommen die Leute um Leib und Leben. Der Mensch ist zur Arbeit geboren wie der Vogel zum Fliegen.“

Männer mögen die Extreme

Männer sind – psychologisch gesehen – sowohl mehr im Himmel und als auch mehr in der Hölle vorzufinden. Wo es um begangene Grausamkeiten oder geschenkte Güte geht, wo es um Selbstbeherrschung oder Süchte geht: immer finden sich in den Extremgruppen mehr Männer als Frauen. Jeder Mann hat das „Kolumbus-Gen“ in sich: von Natur aus steckt im Mann ein Explorator, einer, der neues Terrain erkundet und der bereit ist, auch Risiken einzugehen. Das Bewusstsein, „Macher“ zu sein, ist tief im Mann verankert. Nach dem amerikanischen Sozialpsychologen Roy F. Baumeister zeigen zahlreiche Studien, dass die Neigung, Initiative zu zeigen und Verantwortung in der Gesellschaft zu übernehmen, „zu den zentralen männlichen Eigenschaften gehört“.

Arbeit ist nach wie vor die wichtigste Quelle männlicher Identität. Deshalb bangen sie mehr als Frauen um ihren Arbeitsplatz. Interessanterweise hat der Schöpfer eine Sicherung in das Männergehirn eingebaut: mit Misserfolgen kann der Mann besser umgehen als die Frau. So neigen Männer dazu, berufliche Niederlagen mehr auf die äußeren Umstände als auf das eigene Unvermögen zurückzuführen. Erfolge verbuchen sie dagegen vollständig auf das Konto eigenen Könnens und Machens, sagt die Psychologin Doris Bischof-Köhler, die sich mit der Psychologie der Geschlechterunterschiede beschäftigt. Obwohl das Bibel-Wort „Bevölkert die Erde, unterwerft sie euch“ (Gen 1, 28) an beide Geschlechter gerichtet ist, hat sich vor allem der Mann mit diesem Auftrag identifizieren können.

Mitstreiter und Medien

Luther wuchs in einer Zeit auf, in der Religion und Kirche das öffentliche und private Leben prägten. Man kann den Einfluss vielleicht vergleichen mit der omnipotenten Präsenz des Internet in unserer Zeit. Gott und Himmel, Teufel und Hölle waren für die Menschen des frühen 16. Jahrhunderts Realitäten. Dass sich die Ideen der Reformation in vergleichsweise kurzer Zeit verbreiteten, weist darauf hin, dass günstige Bedingungen zusammenkamen.

Ein Einzelner kann kaum Kulturveränderndes bewirken. Er braucht Mitstreiter, die seine Anliegen aufgreifen und engagiert weitersagen. Luther konnte Leute gewinnen, welche mit ihm die Lanze für die Reformation brachen. Der hochgebildete und feinsinnige Humanist Philipp Melanchthon wurde ein kongenialer Mitstreiter für den klugen, aber hitzköpfigen Martin Luther.

Der Theologe Jörg Lauster sieht im Wesentlichen drei Faktoren am Werk. Der wichtigste bestünde in der Unterstützung Luthers durch die politischen Machthaber. Der zweite Grund sei in der Nutzung des Bruchdrucks zu sehen. Durch die bahnbrechende Erfindung des Mainzer Johannes Gutenberg konnten in Windeseile Flugschriften in hoher Auflage unters Volk gebracht werden. Der Reformator war ein Multitalent in Sachen Öffentlichkeitsarbeit: Er verfasste unzählige Briefe, Pamphlete und theologische Schriften. Er predigte in Kirchen, und er hielt viele Vorlesungen und beeindruckende Tischreden. Das führte dazu – das ist der dritte Faktor –, dass das Volk Luthers Botschaft aufsaugte: „Mit seinen Worten traf er in der frühen Phase der Reformation einen Nerv der Zeit“, lässt Lauster die Leser seines Werkes „Die Verzauberung der Welt“ wissen.

Menschen sind von Natur aus neugierig. Wenn sie mit einer neuen Idee konfrontiert werden, konzentrieren sie sich nicht nur auf den Protagonisten, sondern seine Ideen. Haben sie sich erst einmal mit Argumenten geistig auseinandergesetzt und mit anderen darüber diskutiert, beginnt der Stoff in der Seele zu wirken – ganz von allein, unbewusst. Das hat der französische Sozialpsychologe Serge Moscovici festgestellt. Der Künder einer neuen Frohbotschaft sollte aber „einer von uns“ sein, er muss – wie die Sozialpsychologen sagen – als zur Eigengruppe zugehörig erlebt werden. Luther hat in diesem Sinne gewirkt; er hatte die Hand am Puls der Zeit.

Zitate

„Das Engagement Einzelner kann die Mehrheit überzeugen und Sozialgeschichte schreiben. Wäre dies nicht so, wäre der Kommunismus eine obskure Theorie geblieben, die Christen eine kleine Sekte im Nahen Osten…“

David G. Myers, US-amerikanischer Psychologe

„Nichts ist mächtiger als eine Idee, deren Zeit gekommen ist.“

Victor Hugo, französischer Schriftsteller

„Frauen mögen von Natur aus genauso kreativ sein wie Männer, aber Männer haben ein weitaus größeres Bedürfnis, im sozialen System ihre Spuren zu hinterlassen.“

Roy F. Baumeister, amerikanischer Sozialpsychologe.

Klaus Glas

geb. 1960, Psychologischer Psychotherapeut in eigener Praxis. Verheiratet, drei Kinder.

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