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Was sind denn nun die Unterschiede?

Was sind denn nun die Unterschiede?

von Hubertus Brantzen

Während einer Fortbildung saß ich mit sechs jungen Theologinnen und Theologen zusammen. Zwei katholisch, vier evangelisch. In der kleinen Vorstellrunde stellten sich zunächst der katholische Kaplan und die Pastoralassistentin vor, dann die vier evangelischen Vikarinnen und Vikare, von denen zwei Lutheraner und zwei Reformierte waren, in ihrer Landeskirche allerdings zusammen arbeiteten.

Die kleine Runde befasste sich im Rahmen eines größeren Programms mit den Unterschieden zwischen der evangelischen und katholischen Kirche. Eine der reformierten Vikarinnen setzte gleich zu Beginn der Diskussion mit dem Vorwurf gegenüber der katholischen Kirche ein, man solle doch im Blick auf die Eucharistie die Menschen nicht für dumm verkaufen und ihnen einreden wollen, Jesus Christus sei in Brot und Wein wirklich gegenwärtig. Man könne doch von aufgeklärten Menschen nicht verlangen, an die „Realpräsenz“ zu glauben.

Über den schnellen und massiven Angriff entstand zunächst ein betretenes Schweigen. Dann ergriff einer der Lutheraner, ein im Fach Dogmatik promovierter Vikar, das Wort und meinte in ruhigem, aber überzeugten Ton: „Ich muss dir sagen, als Lutheraner glaube ich auch, dass Jesus Christus im Abendmahl real gegenwärtig ist.“ Die beiden Katholiken schauten sich vielsagend an.

Sehr emotional stieg die reformierte Vikarin auf ein anderes Thema um: Maria. Dieser von den Katholiken praktizierte Marienkult gehe ja überhaupt nicht. Das sei eine unzulässige Anbetung eines Menschen, einer Anbetung, die allein Jesus Christus zustünde. Als Beispiele nannte sie die Marienaltäre, Wallfahrtsorte, angebliche Erscheinungen und den Rosenkranz.

Wiederum betretenes Schweigen in der Runde. Und wiederum war es der lutherische Vikar, der sich nach einer Pause an seine reformierte Kollegin wandte: „Über die verschiedenen Formen der Marienverehrung lässt sich durchaus streiten. Vieles ist auch nicht mein Geschmack. Aber ich muss dir sagen, dass Maria auch für mich eine besondere Frau ist. Immerhin hat sie Jesus Christus geboren und begleitet. Damit besitzt sie eine besondere Stellung.“

Das weitere Gespräch verlief dann in ruhigeren Bahnen. Nachdem die beiden Katholiken sich nicht mehr verteidigen mussten, brachten auch sie ihre entsprechenden Vorstellungen ein. …

Hubertus Brantzen

Prof. Dr. Theol., Mitglied der basis-Redaktion.

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Foto: © mariusz szczygieł · stock.adobe.com