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Wenn das Leben zu beten beginnt

Wenn das Leben zu beten beginnt: Hören auf das, was das Herz bewegt.

von Andreas Brüstle 

Beten wird meist viel zu kompliziert gedacht. Beten muss nicht anstrengend sein. Auch muss das Gebet nicht eine Unmenge an Zeit brauchen. Und wer sagt denn schon, dass das Beten immer die tiefen und tiefsinnigen Gedanken und Herzensbewegungen sein müsse? Wenn das Gebet so hohe Ansprüche hat, dann macht es echt wohl wenig Sinn, ein betender Mensch zu sein. Denn das Hochgefühl und die heiligen Gedanken bleiben doch meist aus. Da kommt ja keiner mit, und das schale Gefühl bleibt zurück, dass ich das ja nie schaffen werde, ein betender Mensch zu sein. Nein, wenn Beten nur etwas für „Hochleistungsfrömmler“ ist, dann kommt der „Otto-Normal-Beter“ gar nicht mit.

Mir geht der Hut hoch

Beten beginnt dort, wo einem der „Hut hoch geht“. –
Oder: „Wir packen uns‘re sieben Sachen und zieh‘n fort
aus diesem ehrenwerten Haus.“
.

Ich weiß nicht, ob Sie noch Udo Jürgens kennen. In einem seiner Lieder besingt er Seelenbewegungen. Eine Situation ereignet sich und daraus erwachsen Konsequenzen. Da kommt ein Brief vom Nachbarn. Der Vermieter schreibt, dass er aus der Wohnung raus muss. Viele haben die Kündigung mit unterschrieben. Da kommt im Lied der Alte vor, der stets erklärt, was verboten ist. Und dann noch der, der jeden anzeigt, der mal kurz falsch parkt. Udo Jürgens singt von wohl sehr komischen Nachbarn, von Wohlwollen ganz zu schweigen bei diesen Leuten. Grund genug, sich aufzuregen. Doch sind es diese Situationen, die dem Interpreten des Liedes helfen, sein Leben zu unterscheiden und den Blick nach vorne zu weiten. 

Vielleicht ist das das Gebet des Alltags, dass die Ereignisse um uns herum uns innerlich konsequenter oder offener machen, unkonventionelle Wege zu gehen. Das Leben ist wohl nicht zu unterschätzen. Die eine Tür im Leben geht zu und eine andere geht auf. Alltägliches Leben scheint wohl so zu funktionieren, dass die Seele mit ihrer Sehnsucht nach Leben immer die nächste geöffnete Tür sucht. 

Es ist sicherlich nicht zu weit gegriffen, wenn man sagt, dass solche Situationen, in denen sich neue Türen im Leben öffnen, zum Sakrament des Augenblicks werden. Zeichen, Hinweise, vielleicht auch so manch Unvorhergesehenes bringen neue Perspektiven ins Leben hinein. Ganz klar, es braucht dazu, um dies als Gebet akzeptieren zu können, eine Grundeinstellung, nämlich, dass Gott wirkt. Gott wirkt jetzt, hier und heute. Er öffnet Türen, damit ich selbst zu mehr Leben und mehr Entfaltung finde. Kühn ist dieser Gedanke schon, so etwas zu behaupten. 

Doch die Evidenz des Lebens nährt den Menschen doch immer wieder mit dieser Erfahrung, dass die nächste Tür immer wieder offensteht. Gott ist ein Türöffner des Lebens. Das hat der Himmel wohl als ein Lebensprinzip in unsere alltäglichen Erfahrungen hineingelegt. Zu einer solchen Gebetskultur braucht es weder ein Gebetbuch noch allzu heilige Gedanken, weil das Leben Himmel und Erde verbindet.

Das vorformulierte Gebet als Nährwert

Kommt es bei Ihnen oft vor, dass Sie, wenn Sie Nahrungsmittel auspacken, auf die Tabelle schauen, welchen Nährwert die Wurst, der Käse oder die Schokolade hat? Nehmen Sie dies oder das zu sich, dann ist der Nährwert sicher. Es ist nicht mehr, aber auch nicht weniger an Nährwert enthalten. Da weiß man, was man hat. Es ist ersichtlich aus der Tabelle, wieviel Energie enthalten ist. 

Es gibt Gebete, die sind ein solcher Nährwert. Da weiß der Beter, was er daran hat. Mit so mancher Bibelstelle ist man schon durch so manche Situation im Leben hindurchgegangen. Sie gibt immer wieder Kraft und Halt. Gott gerät in diesen Zeilen nicht in Vergessenheit. Oder lieb gewordene Kraftworte, wie die beruhigenden und meditativen Worte des Rosenkranzgebetes, die in die Weggemeinschaft mit Jesus und Maria einladen. Vorformulierte Gebete können eine gute Routine sein, die sich regelmäßig oder in ganz bestimmten Situationen ihren Platz im Alltag suchen. Solches Beten wird zu einem Nährwert. 

Solche Nährwert-Worte brauchen nicht immer wieder neu erfunden werden. Sie sind erprobt durch viele Beterinnen und Beter. Generationen vorher geben darin ein inneres Erfahrungswissen des Gebetes mit, dass von damals bis heute darin viel Kraft und Innerlichkeit steckt. Wer lange Zeit mit vorformulierten Gebeten lebt, verbindet wohl mit jedem Wort eine Bandbreite an persönlicher Lebensgeschichte. Diese Gebete beginnen zu atmen. Sie atmen das Leben und die Freude und Hoffnung, die Trauer und Angst, die freudigen Stunden und alle Sehnsucht. Bekannte Gebetsworte, die seit Jahren mit Leben gefüllt sind, werden für denjenigen, der sie gebraucht, wertvoll. 

„Herr, geh‘ du schon einmal voraus. Ich folge dir dann nach.“

Der Terminkalender als Fürbittbuch

Der Terminkalender wird gehasst und geliebt. Gehasst deshalb, weil er oft viel zu voll ist. Geliebt, weil er eine Gedächtnisstütze ist. Wertvoll wird er, weil sich hinter jedem Termin Begegnung mit unzählig vielen Menschen ereignet und hinter jeder Zeitreservierung ein Ereignis steckt, das derzeit zum persönlichen Leben dazugehört. 

Wichtige Lebenszeit wird durch einen Termin verschenkt. Hinter jedem Eintrag in den Kalender stecken Gedanken und Gefühle ganz unterschiedlicher Art. Termine können unangenehm sein. Sie können auch so sein, dass sie ein Unbehagen hervorrufen, wenn man nur an die ein oder andere Person denkt, die man zu treffen beabsichtigt. Nicht jede Begegnung ist von Leichtigkeit geprägt. Sorgenvolle Begegnungen, schwierige Gespräche, scheinbar völlig überflüssige Termine und solche, die das Herz höher und schneller schlagen lassen, sind auf der Zeitleiste eingetragen. Die ganze Gefühlspalette hat seine Zeit. 

Und zugleich kommt darin auch immer etwas auf einen Menschen zu. Ich muss mich diesen Terminen stellen, ob es mir passt oder nicht. Es ist nicht unbedeutend, wie eine Person in einen Termin hineingeht. Jemand wird täglich anders agieren, wenn der Terminkalender zum Gebetbuch wird. Gläubig wissend kann ein Beter mit dem Kalender den Segen für das Bevorstehende erbitten. Gewiss, das macht die dahinter steckenden Angelegenheiten nicht einfacher. Aber der Herr wird schon einmal mit der Kraft seines Segens vorausgeschickt. 

In der geistlichen Tradition nennt man dies gerne „vorausbeten“ oder „sich disponieren“. Jedenfalls geschieht eine Ausrichtung mit der Kraft des Himmels. Auf den Himmel hin ausgerichtet, wird die jeweilige Person anders in die jeweiligen Aufgaben hineingehen und den Menschen anders begegnen. Jeder Termin kann schon einmal im Voraus durchgebetet werden, die Angst kann vor einer Begegnung dem Herrn anvertraut werden und es entsteht vertrauensvoll die Gewissheit in der Seele, dass der Herr bereits schon zu diesem Termin vorausgegangen ist. Der Herr ist schon dort, bei dem Termin. 

Betend wird der Weg durch die Vielfalt aller Geschäftigkeit bei dem bereitet, der am Morgen für die Menschen und die jeweilige Situation betet, die einem Menschen heute vor Augen kommen und durchs Herz gehen werden. Das ist keine Gewissheit, dass dann alles gelingen und alles gut wird. Aber in der Kraft des Gebetes, der inneren Vorbereitung und der Bitte, dass alles heute gelingen möge, wird sich jemand, der seinen Kalender als Fürbittbuch benutzt, gewahr: Ich werde mit aller Kraft das Meine tun. Und dazu möge der Herr all seinen Segen geben. 

Im Gleichklang mit dem Herzschlag

Das Gebet mit den Sinnen im Gleichklang mit dem Herzschlag. Oft fehlen die Worte oder auch die Lust zu beten. Gott scheint den Menschen wohl gut zu kennen, dass es das gibt, dass uns die Worte fehlen, oder dass es um die Motivation zu beten oft nicht gut bestellt ist. Augen, Ohren, Mund und Herz, quasi jeder Mensch wird dann zu einem Gebetbuch des Lebens. Lebenswirklichkeit wird dann fast automatisch zum Ort der Gottesbegegnung. Die Augen beten, wenn sie aufnehmen, wie es um unser Umfeld bestellt ist. Die Eindrücke strömen in den Menschen hinein. Betend kann jemand seine Augen z.B. am Morgen Gott oder der Gottesmutter schenken und die Bitte damit verbinden, dass alles, was in uns einströmt, gesegnet sein solle. Die Ohren sind fromm, wenn sie in den lauten oder in den leisen Zwischentönen im Gespräch mit Menschen hellhörig werden, was jemanden zutiefst bewegt. Und der Mund wird zum betenden Mund, wenn in jeder Silbe, die die Lippen formen, gute Worte geformt werden, die von Hoffnung, Zuversicht und Mut sprechen. Die Sinne, wenn sie dem Herrn anvertraut werden, können ein alltägliches Instrumentarium werden, um sinnenhaft betend durch den Tag gehen zu können.

Beten ist oftmals nicht einfach. Ereignisse, Eindrücke und sogar der Terminkalender können mitten im alltäglichen Leben um den Menschen herum ein Umfeld schaffen, in dem der Himmel offen bleibt. Beten muss nicht schwer sein, wenn das Umfeld und die Sinne zu einem Sprungbrett der Beziehung zum Himmel werden.

 

Andreas Brüstle

Spiritual im Erzbischöflichen Priesterseminar Collegium Borromaeum in Freiburg, Geistlicher Begleiter Studierender und Diakone

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Foto: © doris oberfrank-list – stock.adobe.com

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