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Wenn ein Teller Brücken baut

Wenn ein Teller Brücken baut

von Bernhard Brantzen

Es ist für mich jedes Mal ein ganz eigenes Gefühl, wenn ich in dem Treffpunkt für wohnungslose Menschen, in dem ich mit einer Gruppe der Katholischen Arbeitnehmer-Bewegung (KAB) von Zeit zu Zeit koche, einen Teller über die Theke reiche. Ich halte den einen Tellerrand und der Gast nimmt ihn am anderen Tellerrand entgegen. In diesem Moment schauen wir uns über den Teller in die Augen. Es ist ein Moment der Nähe, die uns durch den Teller und die Art und Weise, wie er überreicht und entgegengenommen wird, verbindet; und es ist gleichzeitig ein Moment, in dem spürbar wird, dass wir in zwei unterschiedlichen Lebenszusammenhängen sind. Und doch: Dieser Teller – in dem kleinen Augenblick von unseren beiden Händen gemeinsam gehalten – setzt Signale des Zusammenlebens:  Es kann durch die jeweilige Atmosphäre ein Moment zwischen einem großzügigen Geber und einem demütigen Entgegennehmer sein. Es kann ein Moment des Gefühls des überheblichen, gesellschaftlich erfolgreichen Gewinners auf der einen Seite und des Verlierers und Versagers auf der anderen Seite sein. Es kann aber auch ein Moment der gegenseitigen Freude über eine Begegnung auf Augenhöhe sein. Vielleicht ein Moment der Dankbarkeit, füreinander da sein zu dürfen, sich gegenseitig etwas zu bedeuten. Denn das, was auf dem Teller liegt und der eigenen Nahrung dient, ist ein sichtbares Zeichen, dass wir alle menschlich sind und von der Nahrung desselben Tellers leben. Während die Gäste im Speisesaal ihr Essen zu sich nehmen, nehmen sich die Köchinnen und Köche in der Küche einen Teller und schöpfen sich ihr Essen aus demselben Topf.

Der Teller als Symbol für das Zusammenleben

Dieser Teller mit seinem Inhalt und seinen Rändern ist also mehr als nur ein funktionales Symbol. Er ist ein Symbol für die Art und Weise, wie Menschen zusammenleben sollten. Nicht unter der Prämisse: Erst einmal meine Seite des Tellerrandes füllen. In der Geschichte des armen Lazarus, der gerne das gegessen hätte, was vom Tellerrand des reichen Mannes heruntergefallen ist, wird deutlich, welche Konsequenzen an innerlichen Qualen sich in einem Menschen auftun, wenn er erkennt, was er anderen vorenthalten hat. (Lk 16,19–31). Das erinnert an die Aussage eines der derzeit mächtigsten Männer unserer Zeit auf die Frage, was die Leitlinien seines Handelns sei: „Meine Moral und mein Verstand“.

Der Teller und die Art und Weise des Überreichens und der Entgegennahme sind also ein Symbol für eine ganz andere Form des Zusammenlebens. Es ist ein Zusammenleben auf der Grundlage dessen, was zentraler Inhalt unseres Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland in Artikel 1 ist: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“. Gemeint ist das christliche Menschenbild: Der Mensch ist unantastbar, weil er Ebenbild Gottes ist. „Gott erschuf den Menschen als sein Bild, als Bild Gottes erschuf er ihn“. (Gen 1, 27). Wenn ich also bei der Übergabe eines gefüllten Tellers über den Tellerrand blicke, dann sehen meine Augen ein Stück des Abbildes Gottes. Genau das macht die unantastbare Würde eines Menschen aus, der in den Augen Gottes kostbar ist (Jes 43,4) und deshalb fest in Gottes schützende Hände eingeschrieben ist (Jes 49,16). Das gilt uneingeschränkt für jeden Menschen.

Über den Tellerrand sehen bedeutet also auch, im Gesicht eines Menschen die übergeordneten Werte als Maßstab jedes politischen und gesellschaftlichen Handelns innerhalb eines freiheitlich sozialen Rechtsstaates zu erkennen und sich danach auszurichten. Im „Bewusstsein vor Gott und den Menschen“ heißt es in der Präambel des Grundgesetzes – und genau darauf legen alle politisch Verantwortlichen ihren Amtseid ab. Es sind nicht von Menschen ausgedachte Werte. Oder wie es der Staats- und Verwaltungsrechtler, Rechtsphilosoph und ehemaliger Bundesverfassungsrichter Ernst Wolfgang Böckenförde einmal beschrieb: „Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann“.

 

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Bernhard Brantzen

Sozialarbeiter und kath. Diakon, Schönstätter Diakonen-Gemeinschaft, tätig in unterschiedlichen Bereichen der Caritas, Seelsorge und des Sozialen.

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