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Wut, Schmerz und Hoffnung

 

Die Enzyklika “Laudato si‘“ im Kontext apokalyptischer Bilder

von Michael Rosenberger

Venedig im November 2019: Der Wasserspiegel in der Lagune erreicht ein bislang unvorstellbar hohes Niveau und verbleibt auf diesem tagelang, ehe er wieder zurückgeht. Allen ist klar: Das hat mit der gewohnten „acqua alta“ nichts mehr zu tun. Hier kündigt sich an, was KlimaforscherInnen seit Jahrzehnten vorhersagen: Ein Anstieg des Meeresspiegels, der bis Ende dieses Jahrhunderts hunderten Millionen Menschen den Boden unter den Füßen wegziehen wird. Und das ist nur eines von vielen apokalyptischen Bildern, mit denen die Wissenschaft vor der Klimakatastrophe warnt.

Die Charakterisierung von Publikationen der Klimaforschung als apokalyptisch ist keineswegs disqualifizierend gemeint. Im Gegenteil: Die bis auf Jesus von Nazaret zurückgehende apokalyptische Tradition der christlichen Botschaft macht deutlich, dass es sich hierbei um ein probates, ja unverzichtbares Mittel handelt, wenn Unterprivilegierte gegenüber den Mächtigen der Welt ihre Rechte einfordern. Nur diese Mächtigen selbst verwenden die Bezeichnung „apokalyptisch“, um eine Idee zu diskreditieren und den Status Quo zu wahren.

Nun ist apokalyptisches Denken ein dezidiert religiöses Programm. Es geht um Macht und Ohnmacht, um Umkehr und Neubeginn, um globale Zerstörung und Hoffnung auf eine neue Erde. Daher möchte ich die Enzyklika „Laudato si‘“ (LS), die sich dem Thema der Klimaerwärmung widmet, unter genau dieser Perspektive lesen: Wie weit lassen sich in diesem bahnbrechenden Schreiben von Papst Franziskus apokalyptische Denkfiguren finden? Und wie werden diese theologisch gedeutet?

Apokalyptische Denkfiguren in der Weltwahrnehmung

„Es besteht eine sehr starke wissenschaftliche Übereinstimmung darüber, dass wir uns in einer besorgniserregenden Erwärmung des Klimasystems befinden.“ (LS 23)
„Wenn die augenblickliche Tendenz anhält, könnte dieses Jahrhundert Zeuge nie dagewesener klimatischer Veränderungen und einer beispiellosen Zerstörung der Ökosysteme werden, mit schweren Folgen für uns alle.“ (LS 24) 

Mit diesen Aussagen am Anfang der Enzyklika wischt der Papst unmissverständlich alle Behauptungen der sogenannten Klimaskeptiker beiseite, es gebe keine Klimaerwärmung oder diese sei nicht anthropogen. Gegen einflussreiche Lobbygruppen schließt sich Franziskus zurecht der Erkenntnis an, die seit den 1980er Jahren von einer überwältigenden Mehrheit der Fachleute vertreten wird.

Wie dramatisch die Herausforderungen sind, wird für den Papst insbesondere dann deutlich, wenn die Ungleichgewichte zwischen Arm und Reich mitberücksichtigt werden: 

„Wir wissen sehr wohl, dass es unmöglich ist, das gegenwärtige Konsumniveau der am meisten entwickelten Länder und der reichsten Gesellschaftsschichten aufrechtzuerhalten, wo die Gewohnheit zu verbrauchen und wegzuwerfen, eine nie dagewesene Stufe erreicht hat. Es sind bereits gewisse Höchstgrenzen der Ausbeutung des Planeten überschritten worden, ohne dass wir das Problem der Armut gelöst haben.“ (LS 27) 

Hier spielt der Papst auf die in den Umweltwissenschaften diskutierten Belastungsgrenzen des Planeten Erde an, die sogenannten planetary boundaries: vier von neun sind nach aktuellem Stand bereits gefährlich überschritten. 

„Wir wissen, dass das Verhalten derer, die mehr und mehr konsumieren und zerstören, während andere noch nicht entsprechend ihrer Menschenwürde leben können, unvertretbar ist.“ (LS 193) 

Um die daraus resultierende Dramatik auf den Punkt zu bringen, konstatiert der Papst mit der Herausforderung, künftigen Generationen „einen bewohnbaren Planeten zu hinterlassen“, stehe „unsere eigene Würde auf dem Spiel“ (LS 160). 

Keine Frage also, dass der Papst die gegenwärtige Umweltzerstörung als dramatisch einstuft. Doch wie reagiert seiner Meinung nach die Menschheit? Für Franziskus ist „die Menschheit des postindustriellen Zeitalters vielleicht… eine der verantwortungslosesten der Geschichte“ (LS 165). Denn sie bemäntelt sich nur deswegen mit ein bisschen Ökologie, um die eigentlich notwendigen Schritte aufzuschieben: 

„Wie es in Zeiten tiefer Krisen, die mutige Entscheidungen erfordern, zu gehen pflegt, sind wir versucht zu denken, dass ungewiss ist, was eigentlich geschieht. Wenn wir auf den äußeren Eindruck schauen, hat es, abgesehen von einigen sichtbaren Zeichen der Verseuchung und des Verfalls, den Anschein, als seien die Dinge nicht so schlimm und der Planet könne unter den gegenwärtigen Bedingungen noch lange Zeit fortbestehen. Diese ausweichende Haltung dient uns, unseren Lebensstil und unsere Produktions- und Konsumgewohnheiten beizubehalten. Es ist die Weise, wie der Mensch sich die Dinge zurechtlegt, um all die selbstzerstörerischen Laster zu pflegen: Er versucht, sie nicht zu sehen, kämpft, um sie nicht anzuerkennen, schiebt die wichtigen Entscheidungen auf und handelt, als ob nichts passieren werde.“ (LS 59)

Der Gleichgültigkeit der Menschen entspricht die Untätigkeit der Politik. Franziskus konstatiert eine „Schwäche der internationalen politischen Reaktion“ (LS 54), „weit davon entfernt, den weltweiten Herausforderungen gewachsen zu sein“ (LS 165). Und er mahnt:

 „Wenn die Politik nicht imstande ist, eine perverse Logik zu durchbrechen, und wenn auch sie nicht über armselige Reden hinauskommt, werden wir weitermachen, ohne die großen Probleme der Menschheit in Angriff zu nehmen.“ (LS 197)

Apokalyptische Denkfiguren in der theologischen Deutung

Statt Gleichgültigkeit und Untätigkeit „müssten uns die Ungerechtigkeiten in Wut versetzen, die unter uns bestehen“. (LS 90). Eine Art „heiliger Zorn“ wäre nötig, um zu spürbaren Fortschritten zu gelangen. Denn die Zeit drängt (vgl. LS 13). Wie schon Paul VI. schärft auch Franziskus „die Dringlichkeit und die Notwendigkeit eines radikalen Wandels im Verhalten der Menschheit“ ein (LS 4): 

„Was gerade vor sich geht, stellt uns vor die Dringlichkeit, in einer mutigen kulturellen Revolution voranzuschreiten.“ (LS 114) 

Für diese verwendet Franziskus wie schon Johannes Paul II. (LS 5) den theologischen Begriff der (ökologischen) Umkehr, der ein eigener Abschnitt der Enzyklika gewidmet ist (6.III). Der Umkehrruf ist – ganz wie bei Johannes dem Täufer und bei Jesus – der Schlüssel der Enzyklika. 

Als biblische Folie wählt der Papst wie ein Großteil der Umweltbewegung die Erzählung von Noach und der Sintflut. Mit ihr deutet er das Problem, dass das Fehlverhalten einiger für alle lebensbedrohlich ist: 

„Wenn die Gerechtigkeit nicht mehr im Lande wohnt, dann – sagt uns die Bibel – ist das gesamte Leben in Gefahr.“ (LS 70) 

Mit ihr eröffnet er aber auch eine Mut machende Zukunftsperspektive: Gott gelinge es, „über Noach… einen Weg zur Rettung zu öffnen… Ein guter Mensch ist genug, um die Hoffnung nicht untergehen zu lassen!“ (LS 71)

Der Literaturwissenschaftler Klaus Vondung beobachtete bereits in den 1980er Jahren in vielen Texten der säkularen Umweltbewegung eine „kupierte Apokalyptik“. Man denke in apokalyptischen Untergangsszenarien, habe aber keine Hoffnungsperspektive, wie sie zur klassischen jüdischen und christlichen Apokalyptik hinzugehöre. Papst Franziskus ist in seiner Umweltenzyklika beseelt von Hoffnung: 

„Die Hoffnung lädt uns ein zu erkennen, dass es immer einen Ausweg gibt, dass wir immer den Kurs neu bestimmen können, dass wir immer etwas tun können, um die Probleme zu lösen.“ (LS 61) 

Auch in schwierigsten Zeiten „fanden die Gläubigen wieder Trost und Hoffnung, indem sie ihr Vertrauen auf den allmächtigen Gott stärkten… Wenn er das Universum aus dem Nichts erschaffen konnte, kann er auch … jede Form des Bösen überwinden.“ (LS 74) Und so schließt er die Enzyklika mit einem eindringlichen Wunsch: 

„Mögen unsere Kämpfe und unsere Sorgen um diesen Planeten uns nicht die Freude und die Hoffnung nehmen.“ (LS 244)

Michael Rosenberger

Michael Rosenberger

Professor, ist Priester des Bistums Würzburg und leitet das Institut für Moraltheologie an der KTU Linz. Seit 2008 ist er außerdem Mitherausgeber der Linzer „WiEGe-Reihe“ mit Beiträgen zu Wirtschaft, Ethik und Gesellschaft.

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Foto: © kwasny221 · stock.adobe.com

 

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