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Zeichen der Zeit deuten – Förderung der Persönlichkeit

Zeichen der Zeit deuten

Förderung der Persönlichkeit

von Hans-Martin Samietz

Vor rund 100 Jahren erschien das Buch „Schule und Charakter“ des damals angesagten Pädagogen Friedrich Wilhelm Förster. Darin erläutert er: Jedes noch so kleine Organ des menschlichen Körpers besitzt heute seine medizinische Spezialdisziplin. Die eigentliche Zentralkraft des ganzen Menschen, die für seine gesamte Lebensleistung ausschlaggebend und ein wesentlicher Faktor seiner Gesundheit ist, sein Charakter, ist laut Förster noch nicht zum Gegenstand besonderer Studien geworden. Diese Einsichten lieferten der Avantgarde damaliger Erziehungsinitiativen wichtige Impulse. So formulierte auch Joseph Kentenich, der Gründer der Schönstattbewegung, in jener Zeit: „Selbsterziehung ist ein Imperativ der Zeit!“

Entlang des 20. Jahrhunderts entwickelten sich dann in einem rasanten Tempo hoch ausdifferenzierte Diszipline innerhalb der Sozialwissenschaften, die sich mit der menschlichen Persönlichkeit, ihrer Prägung und Formung durch die Umwelt sowie ihre Wirksamkeit in verschiedenen Kontexten beschäftigen.

Eine persönlichkeitsfördernde Kultur

Fokus moderner Sozialwissenschaften, die sich mit den inneren Kräften der menschlichen Person beschäftigen, ist die Entscheidungsfähigkeit bzw. -unfähigkeit des Einzelnen in einer hoch komplexen und übermächtig wirksamen Umwelt. Ulrich Beck skizzierte die Herausforderungen für den modernen Menschen in folgender Weise: In einer unüberschaubar gewordenen und gleichzeitig vernetzten Weltkultur wird die Entscheidungsfähigkeit des Menschen in bisher unbekannter Weise angefragt und notwendig. Viele Menschen erleben sich aus überlieferten Bindungen herausgelöst. Traditionelle soziale Regeln und Umgangsformen haben sich gelockert. Die biographischen Orientierungspunkte wie Alter, Herkunft, Religion und Geschlecht schwinden (nach Beck, Risikogesellschaft, 1986). Es ist die Aufgabe des modernen Menschen, sich in dieser Vielfalt zu orientieren, um sich dann für wenige persönliche Lebensoptionen zu entscheiden. Mit anderen Worten: Er muss flexibel bleiben können und sich gleichzeitig ein stabiles und dauerhaft inspirierendes Selbstkonzept erwerben. Gefragt ist also eine persönlichkeitsfördernde Kultur. Die moderne Individualpsychologie sagt dazu Selbstwirksamkeit der menschlichen Person.

Entscheidungsschule notwendig

Um eine Selbstwirksamkeit des Menschen zu erreichen, benötigt er Offenheit für Inspiration. Er muss sich Werte neu und gegebenenfalls zum ersten Mal aneignen. Dabei ist Selbstständigkeit durch Selbsttätigkeit gefragt statt unerleuchtetem Gehorsam oder primitiver Nachahmung. Das wiederum braucht die Fähigkeiten, Entscheidungen fällen zu können und das für das eigene Leben Entscheidende zu suchen, zu wählen und zu integrieren.

Notwendig ist eine Entscheidungsschule. In dieser Entscheidungsschule sind vor allem die Emotionalität des Menschen und seine Fähigkeit zur Intuition zu bilden. Denn beide Kräfte erreichen die Schichten in der menschlichen Seele, die bewussten Handlungen vorausgehen, sie begründen und auslösen.

Stabilität durch Glauben

Ein wichtiger Aspekt bei der Fähigkeit, eine flexible und zugleich stabile Identität auszubilden, ist die Religiosität des Menschen. Damit ist nicht gemeint, dass dem Menschen durch seine Glaubensgemeinschaft Verhaltensmaßregeln gegeben werden. Vielmehr wird die Beziehung zu und die persönliche Bindung an einen Schöpfer, Erhalter und Erlöser der Welt mit psychologischer Gesundheit verbunden. Jemand, der eine affektiv geprägte Beziehung zur Wirklichkeit hinter der Wirklichkeit, zu Gott, besitzt, kann in dieser Beziehung ausruhen und sich geborgen erleben, ohne sich auf einen vordergründigen, oft fragwürdigen Wertekanon fixieren zu müssen. Ähnlich, wie eine sichere Beziehung zu einem Partner in krisenhaften Momenten des beruflichen und privaten Alltags Orientierung und Halt schenkt, ermöglicht eine Verankerung im Wohlwollen Gottes eine Art von Sicherheit. Diese macht fähig, in Grenzsituationen des persönlichen und gesellschaftlichen Lebens frei und authentisch leben und handeln zu können. Joseph Kentenich beschreibt diese Fähigkeit als religiöse „Pendelsicherheit“.

Hier liegt ein großes Aufgabenfeld der religiösen Erziehung in Familien sowie in kirchlichen Gemeinden und ihren Gruppen. In diesem Feld engagieren sich deshalb besonders pointiert die Neuen Geistlichen Gemeinschaften der katholischen Kirche.

Foto: © Alexander Yakovlev · fotolia.de

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