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Zwischen Heiligenschein und Authentizität

Zwischen Heiligenschein und Authentizität

Wie junge Menschen über Heiligkeit denken

von Frank Riedel

„Heilig“ – ein Wort, das sofort Assoziationen weckt. Doch was bedeutet dieser Begriff eigentlich für junge Menschen heute? Eine Mini-Umfrage unter kirchlich sozialisierten jungen Erwachsenen zeigt: Der Begriff polarisiert, fasziniert und fordert zum Nachdenken heraus.

Erste Assoziationen: Zwischen Licht und Gold

Die spontanen Bilder könnten unterschiedlicher kaum sein: Während die einen an goldene Heiligenscheine und vergoldete Ikonen denken – klassische, kunsthistorische Darstellungen –, sehen andere „etwas Helles, Leuchtendes, aber nichts Genaueres.“ Es geht um etwas Besonderes, etwas mit besonderem Wert, das sich nicht präzise festlegen lässt.

Am poetischsten fallen die Assoziationen aus, wenn von Sonnenauf- und Sonnenuntergang die Rede ist, von Wärme, Licht, tiefer Ruhe, innerem Frieden, einem warmen Herzen, tiefer Freude. Hier verbindet sich das Visuelle mit einer starken emotionalen Dimension. Heiligkeit wird als etwas zutiefst Berührendes wahrgenommen.
Doch es gibt auch die andere Seite: „Heilig“ wirkt als Begriff eher abstrakt, regt jedoch zum Nachdenken an. Er wirft die existenzielle Frage auf: Was ist mir eigentlich heilig?

Die Spannung zwischen Ideal und Anmaßung

Wenn der Begriff auf Personen bezogen wird, zeigt sich schnell eine Verunsicherung. Die Frage steht im Raum: „Wie kann ich heilig sein? Ist das nicht anmaßend?“ Die Gleichsetzung von heilig mit perfekt wird dabei kritisch hinterfragt. Heiligkeit scheint ein „unerreichbares Menschenbild“ zu transportieren, das eher einschüchtert als ermutigt.

Hier zeigt sich ein neuralgischer Punkt: Der Begriff wirkt für manche wie eine Überforderung. Und doch hat er gleichzeitig eine tiefe Anziehungskraft.

Menschen, durch die die Sonne scheint

Eine Geschichte bringt es auf den Punkt: Ein Kind sieht in der Kirche Heilige in den Fenstern dargestellt. Später soll es erklären, was Heilige sind, und sagt: „Heilige sind Menschen, durch die die Sonne scheint.“
Heilige werden verstanden als Menschen, durch die Gott oder das Göttliche spürbar wird. Durch sie spüren andere die Liebe Gottes. Heilige können inspirieren und sind mögliche Vorbilder.

Wichtig dabei: Heiliges Leben hat keine Einheitsform. Es vollzieht sich auf individuelle Weise. Jeder Mensch vollzieht auf besondere Weise das, was Gott in ihn hineingelegt hat. Diese Perspektive ist befreiend: Heiligkeit meint nicht Nachahmung, sondern Authentizität.

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Frank Riedel

Schönstatt-Pater. Jugendseelsorger und Leiter des Schönstattzentrums in München.

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