Kontraste
04.03.2026
Nach den Tagen des ausgelassenen Feierns an Fasnet, wie wir hier in Südbaden sagen, stehen in den kommenden Wochen Fastenzeit und Alltag an. Ein wiederkehrender Kontrast im (Kirchen-)Jahr. Und einer, der mit der Natur korreliert: Kalte, fast winterliche, Nächte – zur Mittagszeit wundervolle Frühlingssonne und entsprechende Temperaturen. Herausfordernd ist das nicht nur, weil man das Gefühl hat, fast immer falsch angezogen zu sein, sondern auch, weil unser Körper sich nachweislich schwertut, mit diesem Kontrast umzugehen. Die sogenannte Frühjahrsmüdigkeit ist kein Mythos, sondern die reale, biologische Folge. Ja, welcher Mensch mag schon Gegensätze?
In meiner Arbeit als Gymnasiallehrer mache ich sehr oft die Erfahrung, dass Menschen jeden Alters versuchen, den Kontrasten, die uns das Leben gewollt oder ungewollt bietet, aus dem Weg zu gehen. Und in gewisser Weise ist das so nachvollziehbar wie die Frühjahrsmüdigkeit. Bei uns in Baden-Württemberg wird z.B. am Sonntag gewählt. Eine Phrase, die ich nicht nur in diesem Zusammenhang häufig höre, lautet: „Das kann am Ende jeder selbst entscheiden“. Als Bekenntnis zu Toleranz und Demokratie, dem Anerkennen und Aushalten der Kontraste, kann ich diesen Satz so stehen lassen und befürworte ihn vollauf. Sehr oft aber schwingt in ihm auch die Haltung mit, sich der anderen Meinung nicht stellen zu wollen. Wenn ich jede Meinung, jede Haltung pauschal begrüße, dann kann ich ja nicht anecken und gehe dem möglichen Konflikt aus dem Weg. Doch erreiche ich mit dieser Haltung Toleranz? Überbrücke ich Gegensätze?
Als Kontrast kann man anführen, wie andere diskutieren. Keine Toleranz, kein Anerkennen und Aushalten der anderen Sichtweise. Eine „Amerikanisierung des Wahlkampfes“ befürchtete ein Direktkandidat aus meinem Wahlkreis bei der Bundestagswahl im letzten Jahr und ob man diesem Sinnbild verpflichtet nach Amerika blickt, in den Nahen und Mittleren Osten oder in ein Klassenzimmer in Baden-Württemberg – auch das ist eine Form, den Gegensätzen aus dem Weg zu gehen.
Für mich wirkt die kirchliche Tradition der Fastenzeit dabei immer wieder als Übung, einen guten Mittelweg zu finden, um mit den Kontrasten des Lebens umzugehen. Die Liturgie übt sich darin, Festliches abzulegen, um bei Licht, Schmuck und Glockengeläut in der Osternacht klarzumachen, dass letztlich das Leben siegt. Der Verzicht auf den ein oder anderen Genuss lässt uns üben, dass es auch ohne diesen geht und das vielleicht sogar zukünftig ein Mehr an Leben ermöglicht. Und das Einüben neuer Rituale, die uns guttun, fordert uns heraus, danach zu fragen, was unser Leben im Hier und Jetzt noch alles bereithält.
Kontraste, die uns vielfach schwerfallen und die wir vielleicht nicht mögen. Stellen wir uns denjenigen Kontrasten, denen wir aus dem Weg gehen könnten, ehrlich, ist das sicher nicht der einfachere Weg – ganz sicher aber der Weg mit Mehrwert.
Valentin Frisch
Rheinhausen im Breisgau
Foto von Ann H: https://www.pexels.com/de-de/foto/gelbe-und-blaue-buntstifte-1762851/









