Einfach Identität finden
25.06.2026
Zwischen links-versifft und faschistoid-katholikal: soweit reicht das Spektrum katholischer Positionen aus der Sicht der jeweiligen Gegner. Einander das katholische, das christliche Menschenbild und die christlichen Werte absprechen, das ist üblich geworden. Einander Dekadenz und Glaubensabfall zuzusprechen, wird polemische Routine auf Kongressen, im Netz und sonstwo.
Da werden Briefe an einen Nuntius geschrieben, die Bischöfe als unkatholisch denunzieren. Da werden Veranstaltungen gestört, weil die vertretenen Positionen verdächtig unkatholisch und nicht der Moral der Kirche entsprächen – und es werden Demonstrationen angekündigt, wenn die katholische Grundfarbe nicht stimmt.
All das deutet auf tiefgreifende Verwerfungen und Spannungen hin, all das deutet auch darauf hin, dass in Zeiten des Populismus und der latenten oder offen präsentierten Aggressivität gerade auch Christinnen und Christen Vertrauen zueinander und echtes Zuhören und Dialogfähigkeit nicht gelernt oder verlernt haben.
Das ist ein Phänomen, das in Zeiten tiefgreifender Umbrüche leicht erklärbar ist. Unsicherheit grassiert. Uns sind ehemals selbstverständliche geglaubte Identitätsmarker abhanden gekommen – und nachgeordnete Aspekte werden zu Feindbildern: wie jemand Messe feiert, ob er Lobpreis und Anbetung toll findet, wie jemand die Gleichwürdigkeit aller Menschen in einer queersensiblen und feministischen Sicht biblisch ausbuchstabiert, ob jemand eine fremde Glaubensspache verwendet – wäre nicht vor allem Urteilen noch einmal neu zu fragen, was eigentlich die katholische und deswegen weitende Tiefe ist, die eigentliche Identität, aus der wir schöpfen können – und welches der Modus der Auseinandersetzung ist, der dem Evangelium entspricht.
Unsere katholische Identität gründet in einer geschenkten Liebe, die den Menschen, der davon ergriffen wird, ganz durchdringt und ihm seine Menschlichkeit offenbart: Jesus Christus, menschgewordene Liebe Gottes, hat uns zu dieser Wirklichkeit erlöst. Und so ist gelebtes Menschsein in der absoluten Liebe, die uns geschenkt wurde, Kernmarker.
Und damit ist auch klar: wo die Liebe und die Güte ist, da ist Gott. Und wo sie nicht ist, da kann man sich nicht auf diesen Gott berufen. Die katholische Weite, die daraus erwächst, hält Spannungen aus, findet im tiefen Zuhören auf das Fremde des Anderen, im Aushalten und Benennen anderer Positionen ein gemeinsames Miteinander.
Das gilt es zu lernen. Unbedingt. Jetzt. Denn sonst lassen wir uns leiten von jener menschenverachtender Praxis des Bashens der Positionen anderer und einer arroganten Unfehlbarkeitslogik, die für sich in eine Wahrheit in Anspruch, die sich in solchen Momenten schon selbst auflöst: denn ohne gelebte Liebe keine Identität, die ihrem Ursprung entspricht.
Wir lernen. Alle. Wir lernen, dass nur aus solcher ursprünglichen Tiefe eine Identität erwächst, die eint – und die erkennbar werden lässt, wer wir als Volk Gottes sind.
Dr. Christian Hennecke, Hildesheim
Foto von Iryna Varanovich: https://www.pexels.com/de-de/foto/holz-textur-baumstumpf-rissig-23331192/

