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Reinhold Nann

Verschwörungstheorien oder Glaube an den Gott des Lebens

27.05.2020

Donald Trump posaunt es seit langem in alle Welt: Die Chinesen sind schuld. Ob er nicht doch nur seine eigene Untätigkeit und Fehleinschätzungen kaschieren will? Auffälliger Weise leisten ihm evangelikale Pfingstkirchen und nun auch ein paar katholische Kardinäle und Gruppen Schützenhilfe: Da ist eine neue Weltordnung im Anmarsch, die den Dollar abschaffen will (wie gruselig) und überhaupt mit der „Bestie” von Apokalypse 13 zu identifizieren ist. Jede Veränderung in der Welt ist als teuflisch anzusehen – hier treffen sich die Überzeugungen der politischen und kirchlichen Ultrarechten exakt. Und ein Feindbild aufzubauen schürt Ängste, was wiederum Manipulation und Kontrolle ermöglicht. So funktionieren Diktaturen – und Sekten.

Mit Josef Kentenich, dem Gründer der Schönstattbewegung, sehe ich Veränderungen gelassener ins Auge. Er hat den Aufstieg und den Untergang des “Dritten Reiches” miterlebt und war überzeugt, dass wir an einer noch viel grundsätzlicheren Zeitenwende stehen. Ja mit dem Virus geht gerade etwas unter und wird auch etwas Neues entstehen, dessen Konturlinien bisher nur unscharf zu sehen sind.

Wenn hier jemand die Drähte zieht in dieser Krise, dann sind das nicht die Juden, die Chinesen, Bill Gates oder sonstige „Bösewichte”, sondern Gott. Das ist die gläubige Überzeugung des Buchs der Apokalypse. Alle menschlichen Bestien, die da zwischenzeitlich die Welt bewegen, werden am Ende besiegt. Wir sollten vor ihnen keine Angst haben, denn am Ende siegt doch Gott. Der Virus mag so eine Bestie sein. Er könnte eine Rache der Natur sein oder aus einem Labor entflitzt. Seine Zeit ist aber irgendwann abgelaufen.

Und warum tut Gott unterdessen nichts gegen den Virus? Er ist doch ständig am Tun. Er leidet mit den Erkrankten. Er forscht mit den Wissenschaftlern und betreut mit dem medizinischen Personal. Er tut etwas in uns und mit uns – seinen Werkzeugen.

Und was tut die Kirche? Hier in Peru können seit 2 Monaten keine öffentlichen Gottesdienste mehr stattfinden, aber Facebook macht‘s möglich: Hunderte von Kommentaren in Online-Gottesdiensten, durchweg Gebetsbitten oder Danksagungen. So aktiv waren die Gläubigen noch nie beteiligt. Die neue Kathedrale heißt Caritas: Sie hilft mit Nahrungsmittelpaketen denen, die in der Quarantäne die Ersparnisse und das tägliche Brot verloren haben. Kirche als Feldlazarett. Der Mensch steht im Mittelpunkt, nicht der Gewinn. Ob das die neue Weltordnung werden wird? Stehen da nicht schon wieder die Kommunisten dahinter?

Bischof Reinhold Nann, Caravelli / Peru
 


                                  Am Amazonas – Foto: © pixabay.com

3 Responses

  1. Achim Maria

    In der Antrittsrede von Bundespräsident Richard von Weizsäcker bei seiner Vereidigung im Deutschen Bundestag in Bonn, 1. Juli 1984 sagte dieser:

    “Keiner darf für sich den Besitz der Wahrheit beanspruchen, sonst wäre er unfähig zum Kompromiß und über­haupt zum Zusammenleben; er würde kein Mitbürger, sondern ein Tyrann. Wer das Mehrheitsprinzip auflösen und durch die Herr­schaft der absoluten Wahrheit ersetzen will, der löst die freiheitliche Demokratie auf.”

    Ist es nicht so, dass Menschen, die andere Menschen als Verschwörungstheoretiker bezeichnen, für sich in Anspruch nehmen im Besitz der Wahrheit zu sein?

    Ist es wirklich nötig die Meinungen anderer ins lächerliche zu ziehen?

    Wie stehen Sie zu diesen Fragen Bischof Nann?

  2. Bischof Reinhold Nann

    Nach ihrer Meinung bin ich ein Tyrann, weil ich jemanden als “Verschwörungstheoretiker” bezeichnet habe und mich als im “Besitz de Wahrheit stehend” glaube? Sie unterstellen mir da einiges:
    Ich gebe nicht vor, im Besitz der Wahrheit zu stehen. Die Wahrheit ist Jesus Christus, und als Mensch kann ich ihm nur annähern. Ich versuche in dem Artikel Evidenzen aufzuzeigen, etwas dass mir zur Evidenz geworden ist: Wo ich glaube, habe ich mich der Wahrheit angenähert. Das ist mein Standpunkt. Sie haben wohl einen ganz anderen. Ich versuche zu deuten, zu entdecken, wo die Wahrheit hinter den Dingen stecken kann und gebe gerne zu, dass das mein Versuch ist und nicht die letztgültige Wahrheit.
    Verschwörungstheorien bringen alles auf einen ganz einfachen Punkt, der aber der Komplexität des Lebens selten wirklich gerecht wird. Wir sollten uns hüten, alles gern im Schwarz-Weiss-Schema anzuschauen. Tun sie das? Hoffentlich sieht die Mehrzahl der Menschen die Dinge etwas differenzierter.

    1. Achim Maria

      Vielen Dank für Ihre Antwort Bischof Nann.

      Der Weg: Lassen Sie uns Brücken bauen.
      Die Wahrheit: Lassen Sie uns den Dialog und Diskurs bereiten, damit wir sie, die Wahrheit, ehrlich suchen und finden mögen.
      Das Leben: Freuen wir uns aneinander.

      Ich glaube nicht, dass Sie ein Tyrann sind. Gottes Segen.

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