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Christian Hennecke

Reformatierte Heiligkeit gesucht

30.10.2019

Greta war nur der Anfang. Wir warten weiter. Viele warten. Auf den Menschen, der wirklich Mensch ist. Auf die Botschaft von heute. Auf die Leidenschaft, die unsere Leidenschaft weckt. Denn es ist erstaunlich, was in einem Jahr mit Greta passiert ist. Wie eine Welle zieht sich neue Energie durch die Welt, und ergreift (junge) Leute, die mit ihrer Radikalität und verstörend inkonsequent doch eine Sehnsucht nach echtem Sinn, nach echter Perspektive haben. 

Man mag darüber streiten, ob hier der Geist Gottes wirkt, denn dazu ist vieles sehr ambivalent. Aber doch! Wir könnten in diesen Zeiten unglaublicher Desorientierung und der Ahnung der Ohnmacht in jedem Thema, in diesen Zeiten neuer Sympathien für Exklusion und zuweilen freiwillig gewählter populistisch wertfreier Diktaturen neu und praktisch nachdenken über die Frage, wie das Neue in die Welt kommen kann – und wird.

Man denke an Franz von Assisi. Eine unruhige Zeit. Desorientierend und wild. Die Gesellschaft im Aufruhr, und viele, wirklich viele Aufbruchs- und Umbruchspänomene. Ein Ekel vor einer machtvollen Kirche, eine Erfahrung unglaublicher Unglaubwürdigkeit. Und eine diffuse Sehnsucht nach Echtem, nach Perspektive, nach Radikalität – nach etwas, was das Leben berührt.

Ich denke an Martin Luther – und die Umbruchszeit, in der er lebte. Ich denke an Teresa von Avila, ich denke an Mahatma Gandhi, an Martin Luther King. Ich denke an Menschen, die inmitten ihrer Umbruchszeit „gerufen wurden“ und inmitten ihrer Zeitgenossen umkehrten zu einem anderen Leben. Nein, sie wollten nicht die Welt verändern. Sie wurden berührt von einer Geistkraft, die sie innerlich so berührte, dass sie ihr Leben verließen. Und dann stellte sich heraus, dass ihr neues Leben genau die Antwort auf die Fragen und Zeichen der Zeit waren.

Und dann passierte bei Franziskus, Martin und Mahatma das, was im letzten Jahr bei Greta sichtbar wurde und bis heute wird. Mengen von Menschen, Männer und Frauen, in ganz Europa, in der ganzen Welt, fanden in diesen Menschen, die einfach nur in ihrer Ergriffenheit neue klare und radikale Wege gingen, eine Antwort. Sie wollten – in aller Gebrochenheit und Ambivalenz – so leben wie sie. Und da gab es kein Halten mehr. Und diese Bewegungen erneuerten.

Als Theologe weiß ich das: Es sind die Charismen, die Gaben der Geistkraft, die in Menschen brennen und wirken, und in neuer Radikalität das Neue in Welt bringen. Und ich weiß auch, dass wir christlich ein Wort haben, dass heute so verstaubt wirkt, aber genau das zum Ausdruck bringt. Es gibt eine Suche nach radikaler Echtheit, die man „Heiligkeit“ in unserer Tradition nennt: Gott wird spürbar, das Geheimnis aller Sehnsucht.

Diese Zeit ist reif für die nächste Reformation. Oder besser: Sie ist so dürr, dass Menschen, die von der Radikalität des Leidenschaftlich-Echten geprägt sind, einen Flächenbrand bewirken könnten. Und ich denke, dass man auf die heilige Geistkraft vertrauen kann. Sie hat ein gutes Timing, und sie findet Menschen, die nichtsahnend und doch sehnsüchtig ergriffen werden und dann für viele einen Horizont aufreißen – eines neuen Lebens, einer neuen Energie.

Denn auch das ist wahr: Solche prophetischen Lebensentwürfe braucht eine Kirche und braucht eine Welt, die in ihren alten Mustern und Systemen verbraucht wirkt. Wenn es „nichts neues unter der Sonne gibt“, dann wird es Zeit: Warten wir hellwach!

Dr. Christian Hennecke – Hildesheim

Foto: pixabay.com

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