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Christine Lieberknecht

Leben teilen

25.05.2022

Wer in diesen Tagen durch Stuttgart bummelt, fühlt sich überrascht. Stand da auf dem Karlsplatz nicht bis eben noch das große Reiterstandbild von Kaiser Wilhelm I.? Ja, da stand es; und es steht immer noch da. Doch Pferd und Reiter sind von einem riesigen roten Stofftuch umhüllt. Der Hingucker samt heftiger Kontroverse in den Medien ist den Vorbereitern den 102. Deutschen Katholikentags gelungen.

Unter dem Leitwort „Leben teilen“ werden sich ab heute bis zum Sonntag zehntausende katholische Christen und Gläubige vieler Konfessionen und Religionen versammeln. Sie kommen, um auf Gottes Wort zu hören und miteinander zu diskutieren. Sie werden Gottesdienste feiern und sich inspirieren lassen von Kunst und Kultur, von unzähligen Angeboten der bunten Kirchenmeile. Drei große Themenbereiche „Unser Glaube: Hoffnung teilen“, „Unsere Verantwortung: Herausforderungen teilen“ und „Unsere Zukunft: Chancen teilen“ bieten für Besucherinnen und Besucher Raum für Fragen und das Ringen um Antworten in unserer durch die Corona-Pandemie, den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine und den spürbaren Klimawandel veränderten Welt.

Trotz aller Kritik am rot verhüllten Standbild des alten Kaisers ist den Akteuren der umstrittenen Kunstaktion zumindest schon mal eines gelungen: Der Weg der europäischen Nationalstaaten im ausgehenden 19. Jahrhundert fordert uns auch heute heraus. Was können, was müssen wir aus unserer europäischen Geschichte lernen, um nicht erneut durch Überhöhung des Eigenen und Herabsetzung des Anderen Misstrauen, Argwohn und schließlich Waffengewalt zu provozieren? Was haben wir an noch immer offener, weil bisher allenfalls unzureichend aufgearbeiteter Kolonialgeschichte wieder gutzumachen? Wie lässt sich überhaupt „Leben teilen“ angesichts der nach wie vor dramatischen Ungleichheit zwischen reichen Ländern, zu denen auch Deutschland gehört, und den in Armut und Hunger getriebenen Menschen auf dem afrikanischen Kontinent?

So, wie die Verhüllung des Kaisers uns unwillkürlich unsere heutigen Herausforderungen vor Augen hält, so bietet uns das große rote Tuch die einzig mögliche Antwort: Teilen! Teilen, so wie der Heilige Martin von Tours einst seinen Mantel mit den Armen teilte. Mit Almosen ist das nicht getan. „Leben teilen“ heißt, es geht ums Ganze. Es geht um mich – für dich. Es geht um mich – von Gott und für Gott. Gebet, Fürbitte, tätige Nächstenliebe, Treue und Barmherzigkeit, sich Zeit nehmen und miteinander Zeit zu teilen – das alles gehört dazu.

Christine Lieberknecht, Ministerpräsidentin von Thüringen a.D.

Reiterstandbild Kaiser Wilhelm I., zur Zeit verhüllt –  Foto: Wikimedia commons

1 Response

  1. Liebe Christine, vielen Dank, daß Du mir Deinen Text zugeschickt hast. Mein Kommen-tar ist volle Zustimmung. Ich habe aus meiner Kindheit in Halle noch das Kaiser-Wilhelm-Denkmal am heutigen Hansering in Erinnerung. Als ich zur Schule ging, waren die preußischen Kaiser kein Thema mehr; nun wurde uns Adolf Hitler als Vorbild und Führer angepriesen. Das dauerte allerdings nicht lange. Nach dem Krieg beseitigte man das Kaiserstandbild und setzte an seine Stelle das sog. Fahnenmonument als “Flamme der Revolution”. Das verhinderte nicht, daß dieses Symbol in der Wendezeit der Opposition als Versammlungsort diente. Heute sieht man in ihm ein interessantes Betonbauwerk und Beispiel des Fortschittsglaubens der sozialisischen Ideologie. So ändern sich die Zeiten – und wir laufen mit.

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