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Stefan Heße

global.gerecht.gestalten.

05.07.2017

„Sie kommen“ titelte eine Sonderausgabe in der letzten Woche. „Sie kommen“: Die Staats- und Regierungschefs der wirtschaftsstärksten Industrie- und Schwellenländer treffen sich in dieser Woche hier in Hamburg zum G20-Gipfel. Auf der Tagesordnung steht fast alles, was die Welt bewegt: Wirtschaft, Klima, Beschäftigung, Digitalisierung, Nachhaltigkeit, Afrika, Stabilität, Gesundheit, Frauenrechte.

Der Gipfel findet natürlich nicht geräuschlos statt. Das Abendblatt schreibt: „Die Welt blickt auf eine Stadt im Ausnahmezustand.“ Ganz so dramatisch ist es im Moment noch nicht, aber die Polizei ist allgegenwärtig, Hubschrauber kreisen, Straßen werden gesperrt etc. Denn es wird große Demonstrationen geben und auch mit Ausschreitungen von G20-Gegnern ist zu rechnen. Als Kirchen haben wir uns zum Aktionsbündnis ‚global.gerecht.gestalten.‘ zusammengeschlossen. Wir wollen den Gipfel nicht verhindern, sondern friedlich für eine gerechte Gestaltung der Globalisierung auf die Straße gehen.

Auch ich selber bin kein grundsätzlicher Gegner des Gipfels. Es ist gut, dass sich die Verantwortlichen der größten Wirtschaftsnationen und der internationalen Organisationen treffen, um über Lösungen für weltweite Probleme miteinander zu sprechen. Und es ist gut, dass dieses Treffen in einem freien, demokratischen Land und in der weltoffenen Stadt Hamburg stattfindet.

Wie kann Globalisierung gerecht gestaltet werden und welche Rolle kann die G20 dabei spielen? Die Frage unterstellt es schon: Es kann nicht darum gehen, für oder gegen Globalisierung zu sein. Sie ist eine Folge der technologischen Entwicklungen der letzten Jahrzehnte, vor allem auf dem Gebiet der Kommunikation und der Mobilität von Menschen und Gütern. Wer glaubt, sich oder sein Land aus der Globalisierung auskoppeln zu können, verschließt die Augen vor der Wirklichkeit und wird scheitern. Ebenso wenig kann es einzelnen Gruppen oder Staaten gelingen, nur die Vorzüge der Globalisierung zu genießen und die Lasten anderen aufzubürden. Nur ein Beispiel: Wer grenzenlosen Waren- und Finanzverkehr nutzen will, muss sich auch der weltweiten Migration von Menschen stellen.

Wenn wir uns als Kirchen, als Christen im Kontext des Gipfels engagieren, dann tun wir das aus einer Erfahrung heraus: Für uns ist Globalisierung nichts Neues. Wir sind schon immer eine Weltkirche. Als Christen wissen wir uns weltweit mit unseren Schwestern und Brüdern verbunden. Wir sind, wie Paulus schreibt, ein Leib mit vielen Gliedern. „Wenn darum ein Glied leidet, leiden alle Glieder mit.“ (1Kor 12,26) Als Kirche engagieren wir uns darum weltweit an vielen Orten und auf vielen Themenfeldern mit Fachleuten unserer Hilfswerke und ihren Partnerinnen und Partnern in den armen Ländern zum Aufbau nachhaltiger und gerechter politischer, wirtschaftlicher und sozialer Strukturen. Unzählige Gemeinden und Privatinitiativen bilden Partnerschaften über Länder- und Kontinentgrenzen hinweg.

Die Haltung der weltweiten Zusammengehörigkeit gilt nicht nur für uns Christen. Auch als Menschheitsfamilie gehören wir zusammen. Ich hoffe, dass die G20 sich das zu Eigen machen und die Einheit und das Wohl aller vor die Durchsetzung von Einzelinteressen stellen. Am Freitagabend kommen die Staats- und Regierungschefs in der Elbphilharmonie in den Genuss von Beethovens Neunter Sinfonie. Sie endet mit der berühmten ‚Ode an die Freude‘ mit dem leidenschaftlichen Wunsch „Alle Menschen werden Brüder“. Beten wir, dass das am Freitag und Samstag ein Stück mehr Realität wird.

 Foto: © pixabay.com

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