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Ludger Schepers

Wenn die Synagoge brennt

08.11.2017

Wenn ich den Hof des Bischöflichen Generalvikariates in Essen verlasse, dann fällt mein Blick auf die Alte Synagoge. Sie wurde zusammen mit einem Rabbinerhaus im Jahr 1913 eröffnet. Der stattliche Bau, der eine zu klein gewordene Synagoge ersetzte, sollte die Integration und Anerkennung der Juden im Deutschland des zweiten Kaiserreichs zum Ausdruck bringen. Mitten in der Innenstadt gelegen – heute in direkter Nachbarschaft des Rathauses mit 22 Etagen – sollte der Neubau zeigen, dass das Judentum in der Gesellschaft angekommen ist.

Nur 25 Jahre war die Synagoge Mittelpunkt einer Gemeinde, die 1933 etwa 4500 Mitglieder zählte. In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurde die Synagoge wie zahllose andere Synagogen durch Brandstiftung stark beschädigt. Aufgrund ihrer massiven Stahlbeton-Bauweise blieb das Äußere fast unversehrt. Im Innern gab es aber große Brandschäden. Wegen der vielen Gebäude ringsum wurde die Synagoge nicht gesprengt. 20 Jahre zeugte die Ruine von der vernichtenden Nacht. Im Jahr 1959 entschloss sich die jüdische Gemeinde, an einem anderen Ort eine neue Synagoge zu bauen. Die Stadt Essen kaufte das Gebäude und entschloss sich, aus der Synagoge einen Ort der Erinnerung und eine Begegnungsstätte werden zu lassen. Heute ist die „Alte Synagoge“ ein Ort interkultureller Begegnung mit der jüdischen Kultur. In fünf verschiedenen Ausstellungsbereichen wir u.a. über jüdische Traditionen, jüdische Feste und die Geschichte der jüdischen Gemeinde Essen informiert.

Im Blick auf die Alte Synagoge berühren und bewegen mich zwei Parallelen zu uns heute:

79 Jahre sind seit jener schrecklichen Novembernacht 1938 vergangen. Und auch heute wieder brennen an manchen Orten Häuser. Es brennen Wohnheime für Menschen, die bei uns Schutz und Sicherheit suchen. In der Nacht zum vergangenen Sonntag hat es in einem Asylheim in Rüthen in Nordrhein-Westfalen gebrannt. 20 Menschen wurden verletzt. Ich bin dankbar für alle Initiativen, die sagen: So nicht! Nicht bei uns!

Und ein Zweites: Schon vor mehr als 100 Jahren waren Integration von Andersgläubigen und Anerkennung von Menschen anderer Religion wichtige Themen – und der Bau einer Synagoge offenbar eine Selbstverständlichkeit. Im Blick auf manche Vorbehalte und Ängste heute frage ich mich: Haben wir nichts dazugelernt?

Ich bin froh um Menschen, die mich aufmerksam machen. Am 9. November bin auch dankbar für das steinerne Zeugnis einer Synagoge in meiner Nachbarschaft. Die Polizeiwagen, die in diesen Tagen vor der Synagoge stehen, machen mich einerseits traurig und nachdenklich, da sie offenbar nötig sind. Sie weisen mich aber darauf hin: Hier geht es um etwas Schützenswertes. Gut, dass es solche Erinnerungstage gibt.

Weihbischof Ludger Schepers, Essen


                                       Alte Synagoge Essen – Foto: © wikimedia commons

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