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Michael Gerber

Reformationstag und Allerheiligen

01.11.2017

Reformationstag und Allerheiligenfest – das Jahr 2017 beschert den Deutschen zwei Feiertage hintereinander im Herbst. Noch drei weitere Tage Urlaub nehmen und eine weitere Woche Ferien ist unter Dach und Fach.
Dabei scheinen diese beiden Feiertage doch sehr gegensätzlich zu sein: Der Beginn der Reformation vor 500 Jahren einerseits und das Allerheiligenfest – „urkatholisch“ – andererseits. Oder?

Die sehr unterschiedlichen und originellen Biografien der vielen Heiligen aus 2000 Jahren Kirchengeschichte können uns zeigen, was Reform der Kirche bedeuten kann. Oder noch deutlicher gesagt: Sie können uns zeigen, wie der Heilige Geist ans Werk geht, wenn die Kirche herausgefordert ist, aus ihrem Ursprung heraus „Salz der Erde“ und „Licht der Welt“ zu sein.

Da bemühen sich Menschen um einen glaubwürdigen Lebensstil und geben damit Antworten auf die Fragen ihrer Zeit: Der friedensstiftende Einsiedler Niklaus von Flüe und die couragierte Theresia von Avila, der Menschenkenner Ignatius von Loyola und die einfache Ordensfrau Ulrika Nisch von Hegne. Waren es lange Zeit vorwiegend Priester oder Ordensleute, welche in der Kirche als Heilige verehrt wurden, so wird seit dem Konzil verstärkt auch die Ehe als Weg zur Heiligkeit entdeckt mit dem unersetzbaren Beitrag, den das gelebte „Ja“ zweiter Eheleute für die Kirche und für die Gesellschaft leistet.

Nicht selten kamen diese Heiligen im Laufe ihres Lebens auch in Konflikt mit der jeweilige kirchlichen Autorität. Prophetische Existenz kann Spannung erzeugen und Spannungen können Ausdruck von neuem Leben sein, das sich da regt. Gefordert ist da „prophetische Weisheit“ auf beiden Seiten: Bei denen, die in der Kirche Verantwortung tragen, differenzierend zu unterscheiden, ob hier ein echtes Charisma vorliegt, das damit für den Weg der Kirche insgesamt ein großer Schatz ist. Prophetische Weisheit braucht es aber auch bei denjenigen, die ihr Charisma und ihren Weg, das Evangelium zu leben, in die Kirche hineintragen wollen. Der Grat ist schmal, einerseits die eigene Sendung nicht zu verleugnen und andererseits den eigenen Weg als Weg mit und für die Kirche zu verstehen, auch da, wo man sich nicht verstanden fühlt.

Insofern sind wir gerade angesichts 500 Jahren Reformation und Kirchenspaltung neu herausgefordert, uns um diese prophetische Weisheit zu mühen.

Übrigens: Das Fest Allerheiligen entstand in Rom, als man die Heiligen aus den Katakombengräbern ins Pantheon überführte. Jener beeindruckende Bau der Antike hat bekanntlich nicht nur ein beeindruckendes Eingangsportal, durch das täglich Tausende hinein strömen, sondern in seiner Kuppel eine große Öffnung, durch die es auch gerne in das Innere hinein regnet. Gerade in Zeiten, in denen wir so manchen Sturm und manches „Hineinregnen“ in unserer Kirche erfahren, können die Heiligen als prophetische Existenz uns deutlich machen, dass die Kirche wesentlich von den zwei „Öffnungen“ lebt: Von jener, durch die Kirche und die Gesellschaft, in die sie hinein verwoben ist, miteinander kommunizieren und von jener „Öffnung nach oben“, die der Kirche bewusst macht, dass sie das Wesentliche nicht aus sich selbst heraus wirken kann, sondern sich immer wieder neu schenken lassen muss. „Gnade“ nennen wir dieses Geschenk und sind damit wieder bei einem reformatorischen Anliegen.

Weihbischof Dr. Michael Gerber, Freiburg

 Foto: © pixabay.com

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