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Michael Maas

Vielfalt

15.01.2020

Dieses neue Jahr habe ich anders begonnen als in der Vergangenheit. Zum ersten Mal besuchte ich die MEHR-Konferenz in Augsburg. Eine Veranstaltung, die vom (ökumnischen) Gebetshaus in Augsburg und dessen (katholischem) Leiter Dr. Johannes Hartl seit vielen Jahren durchgeführt wird. Diese Konferenz, die zum Großteil aus Lobpreismusik nach amerikanischem Vorbild und (katechetischen) Vorträgen besteht, ist dabei innerkirchlich umstritten. Allerdings auch genauso erfolgreich. 12.000 Gläubige kamen dieses Jahr zusammen, um Gott zu loben, miteinander zu beten und den Glauben zu feiern.

Einer von diesen war dann auch ich, weil ich mir einmal selbst von dieser Veranstaltung ein Bild machen wollte. Schließlich gibt es nicht viele kirchliche Formate, die in unserer Zeit so erfolgreich (entstanden) sind. Sollte die Berufungspastoral künftig auf dieser Konferenz vertreten sein oder lieber einen Bogen darum machen? Immerhin war jeder dritte Teilnehmer auf der MEHR unter 30 Jahre alt und damit ja in unserer „Zielgruppe“.  Andererseits gibt es aber eben auch die Kritik an der Konferenz, die zu viel auf die Gefühle der Menschen setze und dadurch suggestiv wirke; die das diakonische Wirken, das zum Wesen der Kirche notwendig dazugehört, außen vor lasse; sowie am stark evangelikal ausgerichteten Ansatz, der Kritik am Glauben kaum zulasse und zu naiv sei usw.

Würde sich das bestätigen oder widerlegen lassen? In der kurzen Zeit von anderthalb Tagen, die ich mir im Kalender dafür rausschneiden konnte? Die Location in den Messehallen in Augsburg und die aufwendig installierten Lichteffekte erinnerten jedenfalls kaum an „Kirche“, wie wir es in Mitteleuropa verstehen. Und auch der Lobpreis ist jetzt nicht die Gebetsform, mit der ich von klein auf bis heute etwas anfangen kann.

Also saß ich mindestens so fachlich wie persönlich interessiert in der vollen Halle, als mit einem Countdown die Veranstaltung begann. Und gleich wurde von mir alles analysiert. Die überfreundliche Begrüßung der Moderatoren, die total gut drauf waren; die textlich teilweise recht martialisch daherkommende Musik; die unglaubliche Lichtershow (was das kostet); der kaum verborgene Werbeteil für Produkte des Gebetshauses; die schillernde Kleiderauswahl von Johannes Hartl, die selbst Thomas Gottschalk vor Neid hätte erblassen lassen; und natürlich auch, dass ich gleich in seinem ersten Vortrag an einer Stelle, theologisch anders abgebogen wäre…

Zugleich muss ich aber zugeben, dass ich beeindruckt davon war, als ich sah, wie Teenager eine Stunde lang aufmerksam Johannes Hartl zuhörten; wie ich wahrnehmen konnte, dass Jung und Alt im Gebet intensiv verbunden sind; und wie man an zahlreichen Ständen auf dem Messegelände bemerken konnte, wie der Glaube Menschen dazu bringt, sich sozial zu engagieren – für Suchtkranke, für Gefangene, für Bedürftige weltweit.

Und ich merke, wie ich einem Vorgang auf den Leim gegangen bin, der in der Kirche schon so lange besteht, dass es dafür sogar einen lateinischen Fachbegriff gibt: invidia clericalis. Den Neid unter Klerikern/Theologen. Darüber, dass der andere vollere Kirchen hat, besser predigen kann, mehr soziale Projekte startet usw. Und dass man sich dann gerne aufmacht, bei ihm nach dem Haar in der Suppe zu suchen.

Ich schaute in diesem Wissen nochmal auf meine Kritikpunkte – und stellte fest, dass sie selbst der Kritik bedürfen: Denn ist es nicht so, dass uns eine persönliche Ansprache für Außenstehende in unseren Gemeinden oft fehlt? Finde ich bisweilen unsere Musik in den Messfeiern selbst nicht so erhebend? Und waren die Texte, die ich kritisieren wollte, nicht sogar teilweise alten Gebeten entnommen? Trage ich nicht auch lieber schöne Messgewänder als „alte Fetzen“? Können wir einfach deshalb darauf verzichten, beständig um Spenden (für uns selbst) zu bitten, weil wir die Kirchensteuer haben? Und natürlich: Wie viele Predigten (inklusive der eigenen) müssten zensiert werden, wenn ich dermaßen strenge Maßstäbe anwenden würde, wie ich das gerade beim ersten Vortrag von Johannes Hartl getan hatte?

Im Laufe meines zweiten Tages auf der MEHR-Konferenz entdecke ich dann auch noch den Raum der Stille, mit der Gelegenheit zur eucharistischen Anbetung und Beichte. Dass ich mit zahlreichen Menschen auf dem Markt der Möglichkeiten gleich in tiefe Gespräche komme. Ich bin begeistert über den zweiten Vortrag von Johannes Hartl über die „Ökologie des Herzens“ und kann zugeben, dass auch der erste Vortrag mit dem Thema „Freundschaft“ gut gewählt war. Und finde es stark, dass es am Nachmittag sogar ein Angebot mit zehn (ev. und kath.) Theologen gibt, bei der um die rechte Haltung des Glaubens gerungen wird.

So finde ich es beinahe etwas schade, dass ich schon gehen muss. Doch daheim warten die Sternsinger, die ebenfalls so wertvolle Dienste leisten, den Segen Gottes in die Häuser und die Gaben der Menschen zu den bedürftigen Kindern in die Welt bringen. So freue ich mich über die Vielfalt des Katholischen, die von den Sternsingern über die MEHR-Konferenz bis hin zu Benediktinerklöstern wie Gerleve reicht, in dem ich bei lateinisch gesungenem Stundengebet vor Kurzem  meine Exerzitien verbringen durfte.

Und ich merke: Vielleicht ist es das, was wir neu zu lernen haben: sich über das zu freuen, was anderswo gelingt. Und sich selbst zu hinterfragen, um sogar das ein oder andere Gute vom anderen zu übernehmen.

Direktor Michael Maas
Leiter des Zentrums für Berufungspastoral, Freiburg


                                            Foto: © pixabay.com

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