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Christine Lieberknecht

Unter Barlachs schwebendem Engel

16.03.2022

Wo unserer Sprache die Worte fehlen, öffnet Kunst dem Betrachter den Raum. So erlebe ich in diesen Tagen die vergleichende Ausstellung von gut zweihundert Skulpturen und Zeichnungen von Käthe Kollwitz und Ernst Barlach im Kunsthaus Apolda Avantgarde. Unter dem Motto „Über die Grenzen der Existenz“ berühren mich Anklage, Schmerz und Trauer von Müttern über ihre verlorenen Kinder. Die Schrecken des Krieges haben ihnen ihre Söhne geraubt, Männer und Brüder getötet. Käthe Kollwitz modelliert und zeichnet nach dem Kriegstod ihres Sohnes tief geprägt durch die eigene schmerzhafte Erfahrung.

Für Ernst Barlach werden der „Tod im Leben“, das entsetzliche Grauen, die blutgetränkte „Mutter Erde“, Grablegung der im Krieg Gefallenen, Kummer und Schmerz zu zentralen Motiven in seinen Werken. Die von ihm geschaffenen Figuren verdichtet Barlach bis an die Grenzen des menschlichen Seins. Damit eröffnet der Künstler die Perspektive zur geistigen Durchdringung des menschlichen Lebens zwischen Gott und Mensch, Leben und Tod.

Aus dieser umfassenden Humanität heraus wollte Barlach, ebenso wie seine Künstlerkollegin Käthe Kollwitz, die Welt zum Besseren verändern. Diesem Anliegen folgte Barlach auch mit seinem wohl bekanntesten Werk, dem Güstrower Engel. Raumgreifend verströmt der schwebende Engel die eine Botschaft: FRIEDEN.

In tiefer Stille und unbeirrbarer Entschlossenheit fordert der Engel mit den markanten Gesichtszügen von Käthe Kollwitz die Achtung vor der menschlichen Würde, Respekt voreinander und Verständigung untereinander. Die Wucht dieser Friedensbotschaft ist elementar. Gleich einer Offenbarung trifft diese Botschaft den Betrachter in seinem Innersten.

Barlachs Weg in die Tiefe des menschlichen Seins wiesen ihm die Menschen im heute ukrainischen Charkiw, die Bauern und Hirten von Pokatilowka, Bettlerinnen, Musizi, Jungen und Mädchen in Bachmut, Kramatorsk und Kostjantyniwka im Oblast Donezk während einer Reise im Jahr 1906 zu seinem Bruder nach Charkiw. Ukrainer, Russen, Juden, Weißrussen, Armenier, Roma, Usbeken, Tataren, Griechen, Aserbaidschaner – sie alle hatten damals ihr Fleckchen Erde in diesen Gebieten für sich gefunden. Viele von ihnen waren arm, bettelarm. „In ihrer Blöße zwischen Himmel und Erde“ erkannte Barlach das Allgemeinmenschliche.

Fassungslos stehe ich in diesen Tagen vor dem Überfall Russlands auf die Ukraine und dem Völkermord in genau diesen Gebieten. Inständig bete ich um Frieden, mit Barlachs schwebendem Engel als Boten der Hoffnung.

Christine Lieberknecht, Ministerpräsidentin von Thüringen a.D.

 Foto: Christine Lieberknecht

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