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Blick auf den Vatikan in der Dämmerung

Frank Riedel

Gemischte Bilanz

11.01.2023

Mit dem Sterben Benedikts XVI. am letzten Tag des Jahres 2022 hat die Zeit der Deutung seines Lebenswerks begonnen. Einige der nun veröffentlichten Nachrufe werden wohl schon in Schubladen oder auf Festplatten geschlummert haben, um jetzt möglichst schnell ans Licht der Öffentlichkeit gelangen zu können.

Viele der Texte zeichnen ein differenziertes Bild des Theologen, Kirchenmannes und schließlich Papstes Josef Ratzinger – Benedikt XVI. Es finden sich würdigende Worte für sein theologisches Vermächtnis. Sein Leben für die Kirche sowie Schwerpunkte seines Pontifikats werden beleuchtet. Nicht zuletzt findet sein Rücktritt als Papst Beachtung, mit dem Benedikt, so die einhellige Meinung, Kirchengeschichte geschrieben hat.

Oft klingen bei allem Respekt für die Leistungen des Verstorbenen aber auch kritische Töne an. Nicht zuletzt seine Rolle im Umgang mit dem sexuellen Missbrauch im Raum der Kirche lässt zumindest Fragen offen. Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz Bischof Georg Bätzing weist darauf hin, dass Benedikt XVI. darauf gedrängt habe, „das Leid der Opfer wahrzunehmen, ihre Sicht ins Zentrum zu rücken, wenngleich seine Zeit als Erzbischof von München und Freising ein anderes Licht auf ihn wirft.“ Eine durchaus gemischte Bilanz also.

Dass auch kritische Aspekte Platz haben in solchen Nachrufen, ändert nichts an der grundsätzlichen Würdigung der Lebensleistung des Verstorbenen. Anerkennung und Anfragen schließen einander nicht aus, sondern dürfen nebeneinanderstehen. Das Leben eines Menschen lässt sich nicht einfach durch Gegensätze beschreiben, die einander ausschließen. Es geht nicht um Entweder – Oder, Gut oder Böse, Himmel oder Hölle – auch nicht um einen Urteilsspruch, der nur die beiden Optionen „Santo subito“ oder „Totalversagen“ kennt.

In diesen Tagen fällt mir ein Büchlein in die Hände mit dem Titel: „Lob dem unvollkommenen Leben. Eine christliche Alternative zum Perfektionismus“ (Paolo Scquizzato, Verlag Neue Stadt). Schon in der Beschreibung auf dem Buchrücken lese ich wohltuende Gedanken: „Ein Loblied auf die Unvollkommenheit! Weil wir nie so perfekt sind, wie wir gerne wären. Weil wir nie allen Ansprüchen gerecht werden – und es auch nicht müssen.“ Der Autor bezeichnet die menschliche Begrenztheit als „Einfallstor Gottes“. Worte aus dem Philipperbrief kommen mir dazu in den Sinn: „Ich vertraue darauf, dass er, der bei euch das gute Werk begonnen hat, es auch vollenden wird bis zum Tag Christi Jesu.“ (Phil 1,6)

Ich muss die Spannungen, die sich im menschlichen Leben – ob in dem von Benedikt XVI. oder in meinem eigenen – zeigen, nicht auflösen. Vom Leben bleibt, ganz ehrlich betrachtet, eine gemischte Bilanz. Gott sei Dank darf das so sein.

P. Frank Riedel, München
Stellv. Provinzial der Schönstatt-Patres
Leiter des Schönstatt-Zentrums München


                                     Foto: Booth Kates – pixabay.com

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