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Menschen in einer Fußgängerzone

Gertrud Pollak

Abholen

06.01.2023

Am Bahngleis auf den Zug warten. Im Auto sitzen bleiben bis der Besuch aus der Haustür kommt. Das Telefon im Auge behalten, weil die Verwandten Bescheid sagen wollten, wann wir sie holen können… Wie oft ist das Abholen wichtig in den Tagen um Weihnachten und Neujahr. Und wie unterschiedlich sind die Gefühle, die wir mit abholen verbinden. „Gerne, natürlich, in jedem Fall…“ oder auch einfach der Pflicht folgen und Großeltern, Tanten, Kranke und andere Personen, mit denen es anstrengend werden kann, abholen – von daheim oder aus einer Pflegeeinrichtung. Abholen bringt Menschen zusammen. Immer geht es um Beziehung, um ein Verhältnis zwischen Personen, die sich treffen sollen. Abholen bringt Neues, Schönes oder auch unklare Erwartungen.

Ganz praktisch, äußerlich jemanden abholen, das lässt sich organisieren. Schwieriger ist diese andere Bedeutung von „abholen“, die im Deutschen viel Tieferes meint. Jemanden dort abholen, wo er oder sie steht – dort, wo überhaupt eine Verbindung, ein Verstehen möglich wird, weil die Wellenlänge stimmt und Anknüpfungspunkte gefunden werden. Ein Gespräch und Gedankenaustausch wird möglich. Missverständnisse können ausgeräumt werden. Es gibt einen gemeinsamen Ausgangspunkt im Kontakt miteinander. Der oder die andere wird wirklich dort angetroffen, wo er oder sie steht und mitmachen kann. Aber dort abholen wäre noch mehr.

Gerade jetzt, wenn ich durch die noch weihnachtlich geschmückten Straßen gehe oder die bunten Lichtkugeln und Böller über die Jahreswende in mich aufnehme, kommt mir oft diese Frage: wie kann ich heute diese Person, die an mir vorbeischlendert oder jenen Menschen, der hastig noch was besorgen will, wirklich antreffen? Ich könnte vermutlich nur selten jemanden ansprechen, damit ein Kontakt zustande kommt. Doch bis eine Verbindung möglich wird und wir auf eine gemeinsame Gesprächsebene kommen, braucht es mehr. Kann ich hier überhaupt jemanden abholen?

Ist das nicht auch die Kernfrage, die uns in der Kirche heute bewegt? Für wie viele Menschen um uns herum existiert überhaupt noch eine Kirche, die für sie interessant sein könnte? Zusammenkommen, ist ein Hindernis für beide Seiten. Einfach abholen geht nicht.

Wir müssen und können uns auf andere Wege einlassen. Dasein, mitten drin. Dort bleiben, wo andere Maßstäbe gelten mögen. Es gibt viele Beispiele von Menschen, die mit ihrer eigenen Wertwelt einfach dort gewirkt haben, wo andere auch leben. Manchen von ihnen gelingt ein beachtliches Zeugnis. Denken wir an Personen wie Madeleine Delbrȇl, die unter politisch anders Orientierten in einem Pariser Vorort gelebt hat. Nicht abholen wollen, sondern dazwischen sein. Wir können Standorte ausloten und andere Sichtweisen verstehen lernen. Das kann auch spannend sein. Dabei gibt es positive Überraschungen. Da hat jemand plötzlich viele ähnliche Anliegen und Gedanken. Aber es gibt auch klare Abgrenzungen, andere Ausdrucksweisen und Ansichten. Wichtig ist die Brücke.

Es ist schon ein Unterschied, dieses praktische, physische Abholen, wo einfach Abmachungen eingehalten werden und gehandelt wird. Dagegen bleibt dieser innere Weg, das eher geistige Abholen ein hehres Ziel. Es ist so evident, dass Kirche, dass ich offen sein muss – zuhören, verstehen wollen und dann erst – wenn gewollt – abholen von dort, wo jemand jetzt grade steht.

Dr. Gertrud Pollak, Mainz
Ordinariatsdirektorin a. D.
Generaloberin Säkularinstitut Frauen von Schönstatt


                                     Foto: Alexa – pixabay.com

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