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drei Menschen reden miteinander vor Wand mit Menschenbilder

Peter Kohlgraf

Wie reden wir miteinander und übereinander?

11.11.2020

Auch dieser Frage geht Papst Franziskus in seiner neuen Enzyklika „Fratelli tutti. Über die Geschwisterlichkeit und die soziale Freundschaft“ nach. Es gibt in diesem Lehrschreiben ein kurzes Kapitel mit dem Titel „Information ohne Weisheit“ (47-50). Der Papst diagnostiziert wohl zu Recht, dass wir jeden Tag mit einer Fülle von Informationen überhäuft werden, die viele Menschen überfordert. Eine Folge davon ist, dass Menschen sich ihre eigenen Wirklichkeiten konstruieren: Sie nehmen nur die Dinge wahr, die zu ihrer Wirklichkeitskonstruktion passen, und umgeben sich auch nur mit den Menschen, von denen sie sich Bestätigung erhoffen. Virtuelle Welten geben vor, die eigentliche Wahrheit und Wirklichkeit abzubilden. Daraus entstehen nicht nur problematische Weltbilder, sondern auch Einsamkeit, Engstirnigkeit oder gar Fanatismus.

Der Papst lädt zur biblischen Suche nach Weisheit ein. Diese Weisheit zeichnet sich dadurch aus, dass sie an der Welt und der Erfahrung anderer Menschen interessiert ist. Andere Zugänge zur komplexen Wirklichkeit werden als Bereicherung empfunden. Weisheit entsteht im Zuhören, in der Zuwendung zum Gegenüber. Andere Sichtweisen finden so in das eigene Denken Eingang und beeinflussen auch die persönliche Lebensgestaltung. Weisheit braucht das Schweigen, das Hören, den echten Dialog.

Als glaubender Christ bin ich davon überzeugt, dass das Gebet und das Wort Gottes eine Quelle tiefer Weisheit ist. In den biblischen Schriften findet sich ein reichhaltiger Erfahrungsschatz glaubender und suchender Menschen, der das eigene Glauben und Leben bereichert, manches in Frage stellt und der Fixierung auf das eigene Ich vorbeugt. Mit der Heiligen Schrift und erst recht mit Gott im persönlichen Gebet wird man nie „fertig“. Weisheit ist Papst Franziskus zufolge das genaue Gegenteil zu einem „schnellen und ungeduldigen Tippen und Senden von Botschaften“ (49).

Auch der Streit um den richtigen Weg oder die Debatte über richtige Wahrnehmungen sind Wege der Suche nach Wahrheit. Um Wahrheit und Weisheit muss es in den Begegnungen und im Dialog gehen, nicht um einen „oberflächlichen Wortschwall“. Der Papst sieht die Freiheit in Gefahr, wo der von ihm beschriebene Austausch und die gemeinsame Suche nach Wahrheit nicht mehr stattfindet, sondern nur noch plakative Ich-Botschaften gesendet werden, ohne sich für den anderen Menschen und seine Erfahrungen zu öffnen. Man kann an aktuellen Vorgängen in der Weltpolitik wahrnehmen, dass der Papst Recht hat. Die schnell gesendeten Ich-Botschaften schüren oft Hass und Spaltung, das gilt auch für den „Austausch“ in vielen Internetforen und reicht bis in die alltägliche Kommunikation.

In den Tagen des Monats November denken wir verstärkt über die Vergänglichkeit nach. Es gehört zur Weisheit, sich der eigenen Endlichkeit bewusst zu sein. Für mich gehört zu dieser Weisheit auch, hoffen zu können auf den Gott des Lebens, der Unsterblichkeit verheißt. Er ist die eigentliche Wahrheit, er weitet jeden Narzissmus und jede Enge des Denkens. Gerade in diesen Wochen bin ich für meinen Glauben sehr dankbar.

Bischof Dr. Peter Kohlgraf, Mainz


                                    Foto: pixabay.com

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