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Reinhard Hauke

Paulus unterwegs

11.05.2022

Barnabas zog nach Tarsus, um Saulus aufzusuchen, und nahm ihn nach Antiochia mit. Er wird danach durch Barnabas in Jerusalem den Aposteln vorgestellt und beginnt dann seine eigene Missionsreise durch Kleinasien bis hin nach Europa. Der Namenswechsel von Saulus auf Paulus geschieht in Paphos. In der Apostelgeschichte heißt es fast lapidar: „Aber Saulus, der auch Paulus heißt, blickte ihn (Elymas), vom Heiligen Geist erfüllt an.“ Seit diesem Bericht von der Begegnung mit Elymas, den Paulus dann kräftig zur Rede stellt und sogar für eine Zeit lag blind macht, führt der Missionar und Apostel den Namen Paulus. Die drei Missionsreisen führen den Apostel durch Kleinasien, und er überschreitet aufgrund einer Vision in Troas die Grenze nach Europa. Neapolis gilt als der erste Ort in Europa, den Paulus besucht hat.

Wir studieren die Missionsreisen des Apostels und sehen seinen Eifer, den Glauben an Jesus Christus weiterzugeben und an vorhandene Vorstellungen von Gott und Göttern anzuknüpfen. Wir spüren eine gewissen Unruhe, die vielleicht damit zusammenhängt, dass Paulus in Erinnerung an seine Zeit als Saulus etwas wieder gut machen will. Öfter erinnert er ja an seine Bekehrung und seine vorherige Verirrung. Er sehnt sich danach, dass möglichst alle Juden diesen Schritt zum Christentum gehen, da er selbst darin eine Konsequenz aus dem sieht, was im Alten Bund gehofft und geglaubt wurde. Wir sehen die vielen, weiten und beschwerlichen Wege des Paulus, die heutige Pilger auf den Spuren des Apostels im Flugzeug oder Bus zurücklegen – wenigstens abschnittsweise. Für Paulus waren es Wege, auf denen er Zeit zur Meditation und Reflexion über das alles hatte, was ihm durch die Begegnung mit Jesus Christus bei Damaskus aufgegangen war. Nicht nur äußerlich war er unterwegs, sondern auch innerlich. Er wollte seine Bekehrung auch für andere ermöglichen, indem er seinen eigenen Weg vom Judentum zum Christentum für andere zugänglich machte.

Mit großem Respekt stehen wir heute vor der jüdischen Tradition. Wir sehen den Eifer, auch hier in Deutschland wieder jüdisches Gemeindeleben zu etablieren, obwohl es ja so schreckliche Erfahrungen gegeben hat. Niemals dürfen wir Ähnliches auch nur ansatzweise zulassen. Wie wir als Christen in der Gesellschaft einen Platz gefunden haben, soll er auch für die jüdischen Gemeinden wieder möglich sein.

Ich habe mich gefreut, als ich im Rahmen einer Visitation in der Innenstadt von Erfurt in der jüdischen Synagoge willkommen geheißen wurde. Mit großer Offenheit wurde dort über viele Probleme gesprochen, die u.a. auch mit dem Krieg in der Ukraine zu tun haben, denn auch von dort sind jüdische Familien hierher geflohen. Sie suchen aufgrund der Religion eine neue Heimat. Ich erinnere mich, wie katholische und evangelische Christen hier in Thüringen und ganz Deutschland nach 1945 aufgrund ihres Glaubens einen neuen Halt gefunden haben.

Die Zugehörigkeit zu einer Religion ermöglicht einen Neuanfang in bisher fremder Umgebung. Das Missionswerk des Apostels Paulus hat dazu geführt, dass es zahlreiche neue Orte gab, an denen christliche Gemeinden wohnten und an die sich andere Menschen anschließen konnten, weil sie schon Christen waren oder es werden wollten. Die Judenchristen haben dabei die Brücke geschlagen und das miteinander verbunden, was wir auch heute als kostbares gemeinsames Gut betrachten: der Schatz des Alten Bundes mit dem Evangelium von Jesus Christus, der Saulus zum Paulus gemacht hatte.

Bis heute gibt es diesen Paulus. Priester aus fernen Ländern kommen zu uns und legen Zeugnis ab für ihren Glauben, der von einer anderen Kultur geprägt ist. Sie bauen Brücken zwischen Kontinenten. Sie verändern uns und verunsichern uns, aber sie weiten damit unseren Blick für kirchliches Handeln. Sicherlich darf man auch kritisch hinschauen, aber immer mit dem Gedanken: Hier ist Gottes Geist am Werk – wie damals bei Paulus.

Weihbischof Dr. Reinhard Hauke, Erfurt


                            Foto: falco – pixabay.com

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